Total War: Atilla im Test – So überzeugend ist die Geißel Gottes

Bei vielen Fans der beliebten Strategie-Reihe Total War gilt Rome: Total War als der beste Teil der Serie. Als 2013 dann der zweite Ableger im antiken Rom unter Total War: Rome 2 auf den Markt kam, waren viele Fans enttäuscht. Eine schwache K.I., technische Fehler und ein vereinfachtes Gameplay konnte für viele Veteranen nicht das Erbe des beliebten Vorgängers fortführen. Deshalb sind an den neuesten Teil der Serie, Total War: Atilla, ganz besondere Erwartungen geknüpft. Ob die Geißel Gottes die Serie wieder auf die Füße stellt, das klärt der Test.

Ganze Heerscharen von berittenen Bogenschützen der gefürchteten Hunnen überqueren die Felder südwestlich von Petrodava, einer kleinen Siedlung im Gebiet der Bastarner. Mit rücksichtsloser Gier nach Kampf und Sieg zieht die Geißel Gottes, Atilla der Hunne, über die Gebiete der Gepiden und Ostgoten. Dabei treibt er seine Heere, die nichts als den Kampf bis zum Tod kennen, wie einen dunklen Stachel zwischen die geschwächten Teile des Römischen Reiches. Weder das weströmische, noch das oströmische Reich sind sicher, wenn die Heere der Hunnen erst die Westgoten und anschließend Rom selbst erobern werden.

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Das Setting von Total War: Atilla ist düster, sehr düster sogar. Die Zeit, in der Atilla spielt, hat sich nämlich grundlegend gewandelt: Barbarische Stämme der germanischen Fraktionen stellen jetzt den Bärenanteil des Spielinhalts. Wählt man im Hauptmenü die Königsdisziplin eines Total War-Titels, die Große Kampagne, kann man wie gewohnt aus einer von 10 Fraktionen auswählen. Diese waren im Vorgänger Rome 2 noch ausgewogen in drei römische Fraktionen, Karthago, Ägypten und einigen Barbaren-Stämmen eingeteilt. Jetzt in Total War: Atilla machen jene barbarischen Stämme aber den Großteil der Auswahl aus: Zwei römischen Fraktionen (West- und Oströmisches Reich) stehen diverse Nomaden- und Barbaren-Völker wie das der Ostgoten, der Vandalen oder eben der Hunnen gegenüber. Dabei startet wie gewohnt jede Fraktion mit ihren bestimmten Schwächen und Stärken. Diese sind etwas weniger detaillreich ausgefallen und beinhalten jeweils nur wenige Vorteile – die Nachteile, beispielsweise in Form von Mankos in der Diplomatie, bleiben unerwähnt. Interessant ist aber: Alle Fraktionen haben als genannte Herausforderung mindestens “Normal” und reichen sogar über “Sehr schwer” bis zu “Legendär”. Das wird alleinig an der Ausgangsposition der Fraktion und nicht etwa am gewählten Schwierigkeitsgrad festgemacht. Lediglich das Volk der Sassaniden startet unter leichten Bedingungen.

Nichtsdestotrotz beinhaltet auch Total War: Atilla massig Details, die die Total War-Reihe schon immer sehr besonders machten. Ganz offensichtlich: Alle Einheiten und Figuren in Total War: Atilla sind historisch korrekt dargestellt, genau recherchiert und schön in Szene gesetzt. Ob nun die Speerträger der Sachsen oder die berittenen Bogenschützen der Hunnen – die Gesamtheit aller Einheiten vermittelt ein unheimlich stimmiges Bild der Epoche im fünften Jahrhundert. Klar: Die Rüstungen und Waffen der Einheiten sehen erstaunlich identisch aus und auch die Gesichter der Einheiten wiederholen sich. Wenn man aber im Gemenge von hunderten Einheiten die einzelnen Models untersucht, dann darf sowas schon passieren. Und dafür gibt es nun auch weibliche Units!

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Die wichtigste Neuerung in Rome 2 waren die Provinzen. Waren Siedlungen in den Vorgängern noch unabhängig, besteht eine Provinz nun immer aus mehreren solcher Städte. Sind alle Städte einer Provinz erobert, winkten Boni wie wirtschaftliche Verbesserungen. Und so werden Städte auch immer im Rahmen der Provinz verwaltet. Diese Neuerung wurde auch in Total War: Atilla beibehalten: Städte in einer Provinz werden über ein gemeinsames Interface verwaltet, in dem verschiedene Bauprojekte in Auftrag gegeben werden können. Zusätzlich werden Einheiten jetzt immer direkt über den General rekrutiert – ebenfalls eine Neuerung aus Rome 2. Auch die Interfaces für Diplomatie und Forschung ähneln sehr dem Vorgänger. Für die Forschung darf beispielsweise wieder zwischen einem zivilen und einem militärischen Pfad gewählt werden. Diese Vereinfachung wurde aus Rome 2 übernommen und erreicht nicht die Vielfältigkeit der Forschung aus Shogun 2 oder Empire: Total War.

Total War: Atilla ist düster, sehr düster. Und so überzeugend dazu!

Auch wenn einige Features aus dem Vorgänger Rome 2 übernommen werden – Total War: Atilla weiß dennoch mit einem frischen Wind zu überzeugen. Die wichtigste Neuerung sind nämlich die Nomadenstämme. Was in vorherigen Teilen unmöglich war, ist in Total War: Atilla nun eine mögliche Strategie: Man kann ganze Reiche auslöschen, ohne selber eine einzige Stadt zu besitzen. Dafür werden Heer und Zivilbevölkerung in einer nomadischen “Horde” zusammengerottet, die dann gegen Witterung, Hunger und Seuche verteidigt werden muss. Diese Horde zieht anschließend über die Kampagnenkarte und kann sich eine Stadt erobern, um sich anschließend dort niederzulassen. Man kann es aber auch lassen: Es ist genau so möglich, alle Städte auf seinem Weg zu plündern, zu vernichten und weiterzuziehen. Klickt man nämlich nach der Eroberung einer Stadt auf den Vernichtungsbefehl, so wird die gesamte Region von einem Flammenmeer überzogen – mehr als Asche bleibt nicht. Ich sagte ja, Total War: Atilla ist düster. Und so überzeugend dazu.

Denn welches Kernthema könnte ein Strategie-Titel über Atilla den Hunnen, die Geißel Gottes, haben, wenn nicht das Thema der Zerstörung? Hier geht es nicht um den Aufbau eines florierenden Reiches mit polierter Diplomatie und ausgeglichenem Staatshaushalt – es geht um das Niederreißen und die Zerstörung anderer Reiche. Und da schlägt der Fokus auf barbarische Stämme und die düster-martialische Aufmachung inszenatorisch in die richtige Kerbe.

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Wenn es um die Planung einer Armee geht, muss ein wie gewohnt General her – und das zwangsläufig, denn ohne General oder Anführer bewegt keiner eurer Stammeskrieger auch nur einen Finger. Das bedeutet: Schluss mit dem Umherschieben einzelner Einheitenverbände, wie es noch in den Vorgängern üblich war. In Total War: Atilla scharen sich die Verbände um einen Anführer, der vom Spieler etwas angepasst werden darf. Wie gewohnt erhält ein General nach einigen Siegen Fähigkeitspunkte, mit denen er verschiedene Boni wie eine erhöhte Bewegungsgeschwindigkeit freischalten kann. Dazu kommen Einflüsse auf den General durch mitgetragene Gegenstände oder die mitlaufende Begleitschaft. Leider weist der Skill Tree keine wirkliche Vielfalt auf, sodass früher oder später aus dem Experimentieren eine Routine wird.

Die Technik der Total War-Titel sah sich immer großer Kritik aus. Auch und vor allem der letzte Titel, Rome 2, sah sich diesen Bemängelungen ausgesetzt. Für Total War: Atilla hat Creative Assembly dafür ordentlich an der Technik geschraubt. Hauptsächlich die K.I. der Gegner wurde merklich verbessert. Sowohl auf der Kampagnenkarte, als auch in den Schlachten weisen die Gegner nun einen höheren Grad an Realismus auf. Während auf der Kampagnenkarte nun nachvollziehbare Bewegungen möglichst großer Armeeverbände stattfinden, finden die Einheiten des Gegners auf dem Schlachtfeld immer mehr Möglichkeiten, euch auszustechen. Dafür werden Schwachstellen in euren Formationen rausgefunden, das Terrain sinnvoll ausgenutzt und ordentlich geplänkelt. Es ist klar, dass Creative Assembly die K.I. maßgeblich verbessert hat.

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Auf audiovisueller Ebene legt Total War: Atilla noch einen Gang zu: Die Darstellungen auf der Kampagnenkarte und in den Schlachten sind gewohnt detailreich und liebevoll erstellt. Komisch sind nur die schwarzen Rauchschwaden, die fliegende Pfeile nach sich ziehen. Was hat so ein merkwürdiger Stil in einer realistischen Darstellung verloren? Ob das Absicht war?

Wenn große Verbände aufeinander treffen, können aber auch starke Grafikspeicher in die Knie gehen. Damit aber jeder das Spiel genießen kann, bietet Total War: Atilla wie immer eine hohe Anzahl an Einstellungsmöglichkeiten. Und notfalls regelt das Spiel bei Auslastung des Grafikspeichers die Grafik selber herunter. Zum stimmigen Bild gesellt sich ein eindrucksvoller Soundtrack, der an vielen Stellen asiatischen Kehlgesang stimmig einsetzt. Far Cry 4 machts vor und Total War: Atilla steht der asiatischen Atmosphäre in nichts nach.

Neben die Kampagne und den Prolog gesellen sich natürlich einzelne Schlachten, die man entweder selbst erstellen oder auf historischer Grundlage führen kann. Dazu kommt ein Mehrspielermodus, in dem man entweder Gefechte gegeneinander oder in einer gemeinsamen Kampagne spielt.

Unser Fazit:
Total War: Atilla stellt keinen Höhepunkt des Franchises dar, wie es beispielsweise Rome: Total War oder Total War: Shogun 2 ihrerzeit taten. Das muss es aber auch garnicht: Durch die frischen Änderungen wie den Nomadenstämmen oder die verbesserte K.I. in den Schlachten entfaltet Total War: Atilla ein zwar vertrautes, aber erfrischend spaßiges Spielerlebnis. Auf technischer Seite darf man in naher Zukunft sicher einige Performance-Tweaks von Creative Assembly erwarten. Aber solange dürfen sich Strategie-Fans an der düster-stimmigen Aufmachung sattsehen und in Schlachten oder in der Kampagne strategisch austoben. Eins ist nämlich sicher: Creative Assembly hat es mit Total War: Atilla wieder geschafft, ein verdammt gutes Strategie-Spiel zu basteln!

Ein Kommentar

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  1. Schöner Bericht und ich bin auch echt gespannt. Rome 2 war wirklich eine Enttäuschung und sicher sind die Erwartungen seitdem nicht geringer geworden. Also könnt ihr die Atilla-Version zum Kauf empfehlen?!

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