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Survival Game: Die bittere Wahrheit

Die Mafia. Dieser Name steht nicht nur für dubiose Treffen in rauchigen Hinterzimmern, er steht auch für ein Gesellschaftsspiel, das Mitte der 1980er-Jahre in Russland entstand und wenig später von Studenten nach Deutschland getragen wurde – und sich hier online oder in geselliger Runde großer Beliebtheit erfreut. Auf diesem Gesellschaftsspiel baut der armenische Regisseur Sarik Andreasyan seinen neuen Streifen “Survival Game” auf – und versetzt das Szenario sechszig Jahre in eine wirklich düstere Zukunft. Wir haben uns “Survival Game” für euch angesehen.

Die Regeln von Mafia sind einfach: Eine Gruppe von Spielern wird in zwei Gruppen aufgeteilt – in Zivilisten und Mafiosi. Die Aufgabe der Zivilisten ist es, jene Mafiosi unter ihnen aufzudecken. Die Aufgabe der Mafiosi hingegen besteht daraus, genau das mit dem Mord an den Zivilisten zu verhindern. Und so findet in jeder Runde eine Abstimmung statt, wer als vermeintlicher Mafioso hingerichtet werden soll. Und das auf eigenes Risiko: Ist ein Zivilist darunter, so hat der Rest der Gruppe Pech gehabt – und die Mafiosi reiben sich die Hände.

Diese nicht nur spielerisch, sondern auch sozial spannende Dynamik verbindet Andreasyan in Survival Game mit einem Ausblick in ein dystopisches Russland der 2072er-Jahre. Vom normalen Fernsehen sind die Zuschauer gelangweilt, selbst der telemediale Tod erzeugt bei ihnen während des Zappens nur Gähnen. Die Forderung der Zielgruppe ist klar: Da muss was neues her – und das soll die ehemals spannende Show “Mafia” in ihrer neuen Staffel abliefern. Und so wählt der ominöse Veranstalter der Show 12 Kandidaten aus den freiwilligen Anmeldungen für eine Chance auf ein enormes Preisgeld aus. Der Clou in der neuen Staffel: Die Phobien der Kandidaten sollen ihnen im Todesfall zum Verhängnis werden – und einen besonders grausamen – und medienwirksamen – Tod bescheren.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat Survival Game gute Ideen. Das Bild eines dystopischen, hochtechnologisierten Russlands weiß in seiner Theorie durch starke Spezialeffekte zu überzeugen. Der Showcharakter des telemedialen Mordens in der russischen Gesellschaft des Jahres 2072 bietet zudem allerhand Raum für Sozialkritik: Warum fordert die Gesellschaft noch schlimmere Bilder, noch mehr Blut im Fernsehen? Ist sie schlicht abgestumpft und kommt eine solche Bevölkerung der Regierung gar zupass? Lassen sich Parallelen zur Entwicklung unserer eigenen Gesellschaft ziehen? Das sind Fragen, anhand derer Filme wie “Running Man” bereits in den späten 80er-Jahren oder “The Hunger Games” erst 2012 eine gutheißende, moralisch abgekehrte Zuschauermeute skizziert haben. Leider beantwortet Survival Game keine dieser Fragen und verschenkt so eine ganze Menge Potenzial. Überhaupt bekommen wir bis auf die anfänglichen Ton- und gelegentlichen Portraitaufnahmen nichts von der Gesellschaft gezeigt – oder erklärt. Der größte Teil des Films wird von den Dialogen der zwölf Kandidaten eingenommen.

Dafür, dass eine solche dramaturgische Großlast an der Screentime der Kandidaten hängt, sind diese doch sehr flach ausgefallen. Darunter: Ein Offizier, der viel auf sein gegebenes Wort gibt; zwei Häftlinge, einer übermäßig hochstilisiert, der andere knabenhaft-unschuldig; ein höchst extravaganter Wahrsager und drei dermaßen durchschnittliche Figuren, dass sie glatt von der Tanzfläche einer Diskothek im Außenbezirk von Moskau gefischt worden sein könnten. Die Dialoge gestalten sich ähnlich: Es werden Verbindungen zwischen den Kandidaten aufgebaut, bittere Hintergründe der Teilnahme erleuchtet und versucht, so eine Dynamik im vielgenutzten Whodunit-Konzept alter Krimis aufzubauen, in der weder Zuschauer noch Protagonisten den Antagonisten identifizieren können. Die Beziehungen der Kandidaten sind aber letztlich einfach nicht schockierend genug, um unterhaltsam zu sein, bisweilen fallen sie sogar komplett unglaubwürdig aus. Die Hintergründe sind kaum erhellend und letztlich doch aufgrund der dünnen Hintergrundgeschichte sehr hanebüchen, wenn ein Kandidat aus Krankheit, sozialem Druck oder Leichtmut am tödlichen Spiel teilnimmt. Weder die Motive, noch die Entscheidungen der Figuren sind einleuchtend. Auch hier: Warum welcher Teilnehmer welchen Kontrahenten im Spiel als Mafioso verdächtigt, das wird weder aus Hintergründen, noch aus Motiven oder Erklärungen ersichtlich.

Letztlich ist Survival Game einfach eine Folge leichtmütig gefällter Entscheidungen, die uns durch die telemediale Todesmühle treibt und dabei sogar für die Kandidaten und die Zuschauer wenig schockierend ausfällt – und so ergeht es dann auch zwangsläufig uns, dem reellen Zuschauer. Die einzigen Spannungsspitzen, die Survival Game uns bieten kann, sind die auf die Phobien der Kandidaten gemünzten Hinrichtungen, die an der einen oder anderen Stelle interessant ausfallen. Wenn sich ein Kandidat – wieder: wieso auch immer – vor dem Alterstod fürchtet, so bietet das Potenzial für eine spannende Aufbereitung.

Survival Game ist amobitioniert, sehr sogar. Die Investition in stellenweise überzeugende Spezialeffekte ist sicher lohnenswert. Sie skizzieren das Bild einer düsteren, verschlauchten, hochtechnologisierten Stadt, die im Ansatz an die Kulissen der Wachowski-Geschwister in der Matrix-Trilogie erinnern lässt. Mit dem Mafia-Gesellschaftsspiel hat sich Andreasyan ein relativ unverbrauchtes Szenario ausgesucht, das er wunderbar mit einer sozialkritischen Haltung und einem durchaus prag­ma­tischen Whodunit-Konzept hätte kombinieren können. Stattdessen bekommt der Zuschauer unglaublich seichte Charaktere, eine schemenhafte Hintergrundgeschichte, wenig überzeugende Entscheidungen und ein Ende, das sich inhaltlich und stilistisch, aber nicht qualitativ vom Rest des Films abhebt – und ein Gefühl hinterlässt, als wäre der Film einfach ohne Ende vorbei gewesen. Schade, Survival Game!

Wertung: (1.5 / 5.0)