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Uncharted 4: A Thief’s End im Test – Das Ende von Nathan Drake

Da ist das Ding! Sehnlichst von Spielern und der Fachpresse erwartet, hängt der vierte Teil der Uncharted-Reihe endlich in den Händerregalen. Die Abenteuer um Nathan Drake und seinen enormen Forscherdrang geht in die vierte Runde. Wir haben uns das neueste – und leider letzte – Abenteuer von Drake aus dem Hause Naughty Dog angeschaut. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Aber ist Uncharted 4 auch der schönste – und beste – Teil der Reihe? Der Test verrät es.

Mit meiner Meinung über die Uncharted-Reihe habe ich mir viele hitzige Diskussionen und sicher einige Feinde verschafft. Besonders Uncharted 2 muss regelmäßig meine Kritik aushalten. Meiner Meinung nach prallen in Uncharted 2 erzählerische Finesse und spannende Kulissen auf ein dermaßen überzüchtetes und monotones Kampfsystem, dass das gesamte Spielerlebnis darunter leidet. Überzeugende Erkundungssequenzen und Eindrücke aus längst verfallenen, aber umwerfend gezeichneten Ruinen werden von tristen Episoden eines Deckungsshooters überlagert, der uns eine Vielzahl an Gegnerwellen an den Kopf wirft. Haben wir uns derer in langweiliger Ballermanier entledigt, dürfen wir endlich wieder an den süßen Kern der Reihe: Die Erkundung von Ruinen, die Lara Croft und Indiana Jones mit neidvoll gesenkten Kiefern zurücklassen würden.

Eine Frage sei zur allgemeinen Erleichterung direkt geklärt: Ja, mit Uncharted 4 reißt Naughty Dog das Ruder endgültig herum und konzentriert sich auf den Kern der Reihe – die Erkundungen, die Handlung, die Dialoge, die liebevoll konstruierten Charaktere. Und wie genau das Studio aus Santa Monica das schafft, das verrate ich euch in den folgenden Zeilen.

Indiana Jones im Ruhestand

Jeder Abenteurer muss mal in Rente gehen. Nachdem Nathan Drake in den letzten drei Spielen archäologische Höchstleistungen vollbracht hat, kehrt Ruhe in sein Leben ein. Er hat geheiratet, fischt als Industrietaucher verlorengegangene Ladungen aus Flüssen und mit den ganzen Abenteuern hat er abgeschlossen. Eines Tages passiert es aber: Mit einem längst Totgeglaubten tritt gleichzeitig auch wieder der alte Drang nach Abenteuern und Reichtümern in sein Leben. Lange hat er schon den Piratenschatz von Henry Avery auf dem Schirm – und jetzt will er ihn haben.

Auf erzählerischer Ebene wirken die Vorgänger verglichen mit Uncharted 4 wie lauwarme Schulaufführungen. Entwickler Naughty Dog schließt ein weiteres Abenteuer von Nathan Drake aus eigener Hand aus – und gibt für das Finale noch einmal alles. Für Uncharted 4 werden bekannte und liebgewordene Charaktere wiedergeholt, spannende Neuzugänge eingeführt und eine Geschiche über Liebe, Freundschaft, Rivalität, Drang, Selbstverwirklichung und Nostalgie gewoben, die mich in steter Spannung auf die nächste Entwicklung der Geschichte an den Bildschirm klebte.

Die Schatzsuche nach dem Erbe von Henry Avery ist nicht spannender oder herausragender als die nach El Dorado oder Shambala, aber doch ganz wundervoll mit einer mitreißenden Handlung umwinkelt. Die Handlung, die das kalifornische Studio für Uncharted 4 konstruiert hat, stellt ganz eindeutig eine riesige Weiterentwicklung der Vorgänger dar.

Auf neuen Wegen in den Spaß

Selbstverständlich waren auch die Vorgänger überzeugend geschrieben und konnten mit sympathischen Charakteren und atemberaubender Erkundung aufwarten. So schön das auch war: Die Klettermechaniken und Feuergefechte verkamen spätestens nach dem dritten Ableger zu abgegriffenen und unschönen Unterbrechung der überzeugenden Sequenzen. Genau da greift Uncharted 4 ein und dehnt den Anteil der Erkundungssequenzen ganz erheblich aus. Ein sehr großer Teil von Uncharted 4 lässt uns eine weitläufige Savanne, verfallene Ruinen und abgelegende Inseln erkunden. Hier lässt Uncharted 4 viel Linearität fallen: Wie wir mit unserem Fahrzeug zum Ziel kommen, das ist ganz uns überlassen. Uncharted 4 gibt uns nicht vor, welche Route wir im offenen Spielgebiet mit unserem Auto oder Boot einschlagen. Selbst innerhalb der Kletterpassagen lässt Uncharted 4 uns unterschiedliche Möglichkeiten, ans Ziel zu kommen – und jede einzelne davon ist überzeugend, spannend und dynamisch.

Das erreicht Naughty Dog in Uncharted 4 durch eine vielzahl frischer Klettermechaniken. Zur üblichen “Such dir eine greifbare Kante”-Routine kommen rutschige Abhänge, über die wir manövrieren müssen oder Abgründe, über die wir mit unserem Kletterhaken schwingen. Dabei wechseln sich in Uncharted 4 ruhige Erkundungspassagen und actionreiche Sequenzen ab: Klettern wir zu Spielbeginn noch ruhig über die Dächer eines Waisenhauses, muss der erwachsene Nathan wenige Spielstunden später aus einem einstürzenden Glockenturm fliehen. Ein besonderes Highlight: Ein Kletterabschnitt mit schwingenden und stürzenden Gewichten im bröckelnden Glockenturm. Ob man nun lieber in alle Ruhe eine Insel erkundet oder an einstürzenden Säulen hochkraxelt – Uncharted 4 bietet eine ausgewogene – und absolut spaßige – Mischung.

In seinen Feuergefechten behält Uncharted 4 seine Mechaniken bei. Wie gewohnt suchen wir Deckung, schießen aus dieser heraus auf Gegner, verwenden Granaten, Sturmgewehre und Raketenwerfer und können erst dann weiter, wenn alle Gegner erlegt sind. Glücklicherweise kommen diese Feuergefechte nicht mehr in bedrückender Eintönigkeit und Häufigkeit daher, nein: Sie sind tatsächlich unheimlich spannend geworden. Während der Schusswechsel bröckeln unsere Deckungen weg und neue Verstecke können mit unserem Kletterhaken erklommen werden. Dazu kommen verschiedene Waffen, die sich allesamt zwar unterschiedlich handhaben, aber sich insgesamt gleichermaßen befriedigend spielen lassen. Die weniger oft vorkommenden und vorallem nicht an endlose Gegnerwellen geknüpften Feuergefechte setzen unterhaltsame Akzente. Ein besonderer Höhepunkt war auf jeden Fall eine Verfolgungsjagd durch eine südafrikanische Stadt, in der wir mit einem Geländewagen unseren Verfolgern entkommen mussten.

Naughty Dog ohne technische Grenzen

Wenn man Naughty Dog auf eine neue Konsole loslässt, ist das wie ein Ferrari auf der Autobahn – ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Mit The Last of Us und Uncharted 3 hat kaum jemand so die technischen Grenzen der Playstation 3 wie erfahren wie Naughty Dog. Nun ist Uncharted 4 der erste Titel des Studios, der eigens für die neue Konsolengeneration entwickelt wurde. Damit begibt sich Naughty Dog mit Uncharted 4 ganz nach dem Motto “Der Himmel ist die Grenze” zu grafischen Meisterleistungen. Mit der zusätzlichen Power der Playstation 4 bewerkstelligen die Damen und Herren von Naughty Dog ein Feuerwerk.

Ob das neblige und verschneite Schottland, monsunartig verregnete Inseln oder die matschise Savanne von Madagaskar: Die Umgebungen, die Uncharted 4 bietet, wissen auf allen Ebenen zu begeistern. Naughty Dog zeichnet im Hintergrund ganze Städte und wunderschöne Zusammenstellungen von Flora und Fauna. Im Vordergrund sind es neben den wunderschön animierten und knackscharf texturierten Figuren, viele kleine Details, die überzeugen können. Rutscht Nathan Drake einen matschigen Abgrund hinunter, so muss seine Kleidung einige Gänge lang in die Wäsche. Springt er hingegen ins Wasser, so ist er wieder sauber. Auf Schnee hinterlässt er Abdrücke, der Regen durchnässt ihn komplett und im sonnigen Italien zeichnen Schweißspuren seinen Rücken.

Mit seiner hochauflösenden, flüssigen, detaillierten, überzeugenden Grafik setzt Uncharted 4 einen dermaßen hohe Standard an kommende PS4-Titel – und einen Meilenstein dessen, was bisher für die Konsole erschienen ist. Wenn Uncharted 4 die aktuelle Technik der Playstation 4 nur in seinen Ansätzen nutzt, dann verspricht die Zukunft Großes. Die Musik von Uncharted 4 stammt dieses Mal von Henry Jackman, der auch für die Soundtracks der ersten beiden Ableger von “Captain America” verantwortlich ist – und Uncharted 4 auf gewohnt hohem Niveau untermalt.

Auch der Multiplayer weiß zu überzeugen

Die Multiplayer-Modi der Spiele von Naughty Dog werden gerne einmal unterschätzt. Verglichen mit grandiosen Singleplayer-Kampagnen in The Last of Us oder Uncharted wirkt der Multiplayer gerne wie ein Beiwerk. Aber wer das Spiel auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad bezwungen, alle Schätze gesammelt und Lust auf etwas Neues hat, der kann viel Spaß im Multiplayer von Uncharted 4 haben. Das im Gegensatz zum Hauptspiel in 60FPS laufende Mehrspieler-Match mit bis zu 10 Spielern kann durch seine dynamischen Gefechte sehr überzeugen. Alle kommenden DLCs werden übrigens kostenlos erhältlich sein. Lediglich kosmetische Items, die sich relaltiv einfach über Ingame-Währung freischalten lassen, können mit Echtgeld erworben werden. Naughty Dog möchte seine Spielerschaft aber nicht in die Besitzer von DLCs entzweien und bietet alle essentiellen Inhalte kostenlos an.

Unser Fazit:
Man muss vorsichtig sein, wenn man Höchstwertungen vergibt. Das tut man nämlich nicht allzu oft, sondern nur bei diesen ganz besonderen Spielen, die einen nachhaltig beeindrucken. Zum Glück ist das bei Uncharted 4 der Fall! Sämtllicher Kritik, die ich über die Jahre an der Uncharted-Reihe geäußert habe, hat Uncharted 4 den Boden unter den Füßen weggezogen. Langweilige Feuergefechte? Fehlanzeige. Einschichtige Kletterpartien? Nichts da. Stattdessen bietet Uncharted 4 auf erzählerischer Ebene eine überzeugende Handlung mit nachvollziehbaren Motiven und spannenden Figuren. Auf spielerischer Ebene wartet Uncharted 4 mit spannenden und sinnvoll gesetzten Feuergefechten und frischen Sprungmechaniken auf.

Wenn es an die Technik geht, da spielt Uncharted 4 ganz oben mit. Der Sprung in die neue Konsolengeneration ist ein dermaßen astronomischer, dass momentan kein anderer Titel mithalten kann. Man kann es sagen: Uncharted 4 ist ein grafisches Meisterwerk. So ziemlich alles an diesem Titel sieht grandios aus.

Leider wird Uncharted 4 das letzte Abenteuer von Nathan Drake sein, an dem Naughty Dog mitwirkt. Laut Robert Cogburn, dem Lead Game Designer von Uncharted 4, seien die Spiele einfach zu schwer zu produzieren, weshalb die Reihe nun endet. Trotzdem – oder gerade deswegen – hat Naughty Dog mit Uncharted 4 einen alles überragenden Abschluss der Saga um Schätze und Legenden geschaffen. Für jene, die Uncharted schon vorher geliebt haben, ist Uncharted 4 natürlich ein muss. Wem es vorher nicht so ging – tja, der tut es spätestens jetzt.

So long and Farewell, Mr. Drake – it was a Hell of a Ride.

Wertung: (5.0 / 5.0)