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Wolfenstein 2: The New Colossus – Spiel’ es jetzt, los!

Da ist das Ding! Über drei Jahre nach Wolfenstein: The New Order dürfen wir endlich wieder in die Uniform von Kampfmaschine B.J. Blazkowicz schlüpfen und dem Nazi-Regime eins auf die Mütze geben. Das hat nämlich kurzerhand die Vereinigten Staaten erobert und stülpt den Einwohnern nun seine fanatische Ideologie über. Gut, dass es noch Blazkowicz und den Widerstand gibt: Die haben da nämlich überhaupt keine Lust drauf. Was der neue Koloss so kann, wo sich noch Schwächen verstecken und warum Wolfenstein 2 einer der besten Shooter der letzten 10 Jahre ist – das klärt der Test.

Wolfenstein 2: The New Colossus schließt nahtlos an die Handlung des Vorgängers an und präsentiert uns einen ziemlich lädierten Terror Billy. So lädiert, dass wir während des (buchstäblich) holprigen Prologs in einem Rollstuhl Treppen herunter stolpern und uns dabei durch die Nazischergen ballern. Die sind nämlich auch nach den Ereignissen des Vorgängers Wolfenstein: The New Order drauf und dran, die Welt zu erobern. Der Widerstand, allem voran Blazkowicz, seine Crew und die amerikanische Widerstandszelle, möchte das verhindern und schmiedet einen Plan, das Regime mit viel Wumms auszulöschen.

Die Story von Wolfenstein 2 ist ein zweischneidiges Schwert. Die Story ist nicht so schrecklich gehaltvoll und zudem auch noch verwirrend, wenn man den Vorgänger nicht gespielt hat. Zu Spielbeginn muss man sich nach einer ziemlich wirr erzählten Rückblende zwischen zwei Anführern des Widerstands und damit zwischen zwei Timelines entscheiden. Welche Entscheidung welche Konsequenzen nach sich zieht, das kann man als Neueinsteiger nicht verstehen. Da hätte Entwickler MachineGames etwas mehr Zeit und Mühe in den Rückblick auf die vorherigen Ereignisse investieren können, damit auch Neulinge der Geschichte etwas davon mitbekommen.

Auf der anderen Seite sind die geschichtstragenden Zwischensequenzen nicht nur hochwertig produziert und werden häufig eingesetzt, sie strotzen nur so vor bemerkenswerten, schrillen und abwechslungsreichen Charakteren. Neben bereits bekannten Figuren, wie dem laufenden Paradoxon Max Hass oder dem genialen Wissenschaftler Set, kommen die flippigen Mitglieder der amerikanischen Widerstandsbewegung, darunter Verschwörungstheoretiker Super Spesh und die knallharte Afroamerikanerin Grace Walker. Die Dialoge und die Spielwelt sind so randvoll mit Details gefüllt, dass selbst ich als gnadenloser “Main Quester” mir das Herumwandern und Entdecken nicht verkneifen kann.

Ein Höhepunkt ist eine Mission in der Stadt Roswell, New Mexico. Die ist nämlich vollständig von Regime-Propaganda infiziert. Die Anwohner erwarten eine Militärparade, weshalb an jeder Ecke Poster (“General Engel beschützt das Reich wie ihre Kinder!”) hängen und gepanzerte Soldaten stehen. An einer Ecke belauschen wir eine völlig optionalen Dialog zwischen Mitgliedern des Ku Klux Klans und einem Soldaten, der sie über die Daten der Mondlandung von Hans Armstark(!) ausfragt. Dazu kommen noch zahlreiche Easter Eggs, wie beispielsweise ein Arcade-Automat mit einer komplett spielbaren Fassung von Wolfenstein 3D. Und dieses Level an Detailverliebtheit erleben wir in jeder Sekunde der Kampagne. Wirklich großartig!

Spielerisch folgt Wolfenstein 2 einem grandiosen Trend, Ego-Shooter wieder in ihre klassischen Bahnen zurückzuführen, auf regenerierende Gesundheit zu verzichten und sie ein ganzes Stück schwerer zu machen. Das trifft auch auf Wolfenstein 2 zu: Die Gesundheit erneuert sich nur bis zu einem gewissen Grad und bereits auf der zweitleichtesten (!) Schwierigkeitsstufe merkt man, dass Wolfenstein 2 kein Spaziergang sein soll. Viele Schussgefechte sind knallhart und lassen uns schnell den Boden küssen. Das liegt aber nur zum Teil an der Schwierigkeit des Titels. Leider bietet Wolfenstein 2 zu wenig Feedback, wenn wir Schaden kassieren. Das geht im Gefecht gerne unter und wir werden zum Rambo. Das geht schnell schief: ohne Deckung zu nehmen, auf seine Position zu achten und sich regelmäßig zu bewegen beißen wir schnell ins Gras.

Wolfenstein 2 gelingt es wie sonst nur dem 2016 erschienenen DOOM-Reboot, klassische Shooter-Elemente und neue Ideen miteinander zu verbinden. Zu den neuen Ideen gehören beispielsweise das sogenannte “Akimbo” – ein nettes Wort für “Ich nehme zwei Waffen in die Hände und werfe die doppelte Zahl an Kugeln in deine Richtung”. Auch können wir unser Waffenarsenal mit Trommelmagazinen, Schalldämpfern oder erhitzten Nagelgeschossen ausstatten. Je öfter wir bestimmte Aktionen ausführen – beispielsweise Stealth-Kills oder Headshots -, desto größere Vorteile bekommen wir, beispielsweise eine höhere Geschwindigkeit, wenn wir uns geduckt fortbewegen. Das alles sorgt dafür, dass das Gameplay mehr Dynamik entwickelt und wir uns selbst aussuchen können, wie wir die Gegnermengen angehen wollen. Dabei hat Wolfenstein 2 die Schlauchlevel des Vorgängers zumindest teilweise durch offene Areale ersetzt. Das absolut spaßige Gunplay macht Wolfenstein 2 – zusammen mit DOOM – zum besten Ego-Shooter der letzten 5 Jahre – mindestens!

Rein technisch ist Wolfenstein ein absolutes Brett. Die matschigen Texturen von Wolfenstein: The New Order gehören der Vergangenheit an und wurden durch eine imposante Inszenierung ersetzt. Die Animationen sind flüssig, die Waffen haben ordentlich Wumms, die Texturen sind detailreich und knackscharf zugleich – hier hat Wolfenstein 2 ordentlich zugelegt. Verfassungsfeindliche Symbole wie das Hakenkreuz wurden in Wolfenstein 2 ganz rechtskonform aus der deutschen Fassung entfernt – da hat der Entwickler schließlich keinen Einfluss drauf. Dass deswegen auch einige Dialoge entschärft worden sind, das finden wir schade. Die Sprache kann aus diesem Grund auch nicht gewechselt werden, was mir als Freund von O-Tönen sauer aufstößt.

Wer die Musik von Titeln wie DOOM und PREY zu schätzen weiß, der wird auch in Wolfenstein 2 glücklich. Der Soundtrack entstammt nämlich der Feder von Mick Gordon, der all diesen Spielen seinen ganz eigenen Stempel aufdrückt. Mick schafft es wie kaum ein anderer, elektronische Musik mit instrumentalen Parts zu verschmelzen und so genau den richtigen Klangteppich für unsere Ballerorgie auszubreiten. Eine echte Bombe!

Unser Fazit:
Wolfenstein 2: The New Colossus ist einfach grandios. Die Alternate History-Erzählung, die detailreichen Levels, das bombastische Gunplay und der treibende Soundtrack machen Wolfenstein 2: The New Colossus neben id’s DOOM zum besten Shooter seit Jahren. Hier und da hat der Titel Schwächen, er holt Neueinsteiger nicht wirklich ab, ist an einigen Stellen unfair knackig und hat auf Konsole genretypisch eine doofe Steuerung. Insgesamt ändert das aber nichts daran, dass mich Wolfenstein 2 von Anfang bis Ende nicht vom Sofa gelassen hat und ein durch und durch – sorry – affengeiler Shooter ist.

Alle, die einen klassischen Ballermarathon genießen, eine detailreiche und spannende Spielwelt zu schätzen wissen und ganz speziellen Humor vertragen, müssen wissen: Wolfenstein 2 ist ein glänzendes Vorbild für das gesamte Shooter-Genre. Bravo!

Wertung: (4,9 / 5)