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Kingdome Come: Deliverance im Test – Alles nur böhmische Dörfer?

Als Warhorse Studios vor vier Jahren die Kickstarter-Kampagne für Kingdom Come: Deliverance startete, war das Ziel von 1 Million US-Dollar innerhalb eines Monats erreicht. Ultra-Realistisch sollte es werden, das neue RPG-Projekt des polnischen Studios. Angesiedelt im Böhmen des 15. Jahrhunderts durfte man bei Kingdom Come: Deliverance von einer kleinen Rollenspiel-Revolution träumen. Ob es das auch geworden ist oder ob Game-Design für Warhorse Studios nur böhmische Dörfer sind, das klärt der Test.

Wenn wir an Rollenspiele denken, dann denken wir an Magier und Krieger, Geralt von Riva und die Monsterjagd, an tapfere Helden und Jungfrauen in Not. Und natürlich denken wir daran, denn das grundsätzliche Setting beinahe jedes Rollenspiels hat sich in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Und dann kommt das kleine polnische Studio Warhorse Studios vor vier Jahren daher und sagt: Nein, wir machen das anders. Wir wollen ein historisches Setting – das Königreich Böhmen im 15. Jahrhundert – und verzichten völlig auf Fantasy. Was bleibt, ist eine realistische Simulation des Mittelalters, fernab von Magie und Heldentum, dafür voll mit Krankheit, Klassengesellschaft und Verbrechen. Willkommen in Kingdome Come: Deliverance.

Wir starten in Kingdome Come: Deliverance nämlich nicht als auserwählter Held, sondern als Heinrich. Der ist der Sohn des Stadtschmieds von Skalitz, er hat keine Erfahrung im Kampf, Lesen und Schreiben kann er ebenfalls nicht – er ist nur ein einfacher Mann, dessen Leben durch einen Angriff auf seine Stadt durcheinander gewirbelt wird. Die Geschichte von Kingdome Come: Deliverance trägt sich nicht durch eine epische Narrative von Heldentum, sondern durch die realistische Darstellung des Mittelalters. Wir erleben die volle Härte der Klassengesellschaft, in der jede Widerrede gegenüber eines Adligen im besten Falle mit ein paar Peitschenhieben bestraft wird. Wir erleben eine Gesellschaft voller unmenschlicher Verbrechen, in der Banditen entweder entwischen oder gehängt werden. Und wir erleben eine Umgebung, in der ein kleiner Sturz, eine Verletzung im Kampf oder eine Lebensmittelvergiftung den sicheren Tod bedeuten können. Wie setzt Kingdome Come: Deliverance diesen Realismus um? Wir müssen auf unseren Hunger und die Haltbarkeit der Lebensmittel achten, regelmäßig schlafen, Wunden sofort versorgen und auf jede Aktion eine Reaktion erwarten. Wollen wir diesen Adligen wirklich verärgern? Ist uns der Inhalt dieser Truhe das Verbrechen wirklich wert? Mögen uns die Menschen nicht, verlieren wir unsere Ehre; werden wir bei Verbrechen erwischt, landen wir im Kerker. Kingdom Come: Deliverance achtet genau darauf, was der Spieler tut und verändert seinen Status in der Gesellschaft dementsprechend.

Zwar liefert Kingdom Come: Deliverance viele historische Informationen über das Mittelalter und das Königreich Böhmen, die verschiedenen Spielelemente werden aber bewusst im Dunkeln gelassen. So richtig kämpfen lernen wir zum Beispiel erst im Laufe des Spiels durch einen lokalen Hauptmann. Der bringt uns die Finessen des Kampfsystems von Kingdom Come: Deliverance bei. Sollten wir uns neben anderen Waffen wie Dolch und Bogen für ein Schwert entscheiden, so kann man das nicht einfach in Skyrim-Manier links und rechts schwingen, nein, da ist Taktik gefragt! Wir können das Schwert aus verschiedenen Richtungen schwingen, mittig zustechen, eine Seite bloß antäuschen und den Gegner anschließend überraschen oder Angriffe parieren. Da Kingdom Come: Deliverance komplett aus der Ego-Perspektive gespielt wird, sieht das alles entsprechend spannend aus, ist aber leichter gesagt, als getan. Das Kampfsystem in Kingdom Come gehört zu den schwierigeren seines Genres und macht, hat man die Taktiken erst einmal verinnerlicht, richtig Spaß. Jeder Kampf, ob gegen Bauer, Bandit oder Ritter, fühlt sich auch wie ein solcher an.

Liegt uns der Schwertkampf nicht, so können wir uns natürlich auch auf den Bogen oder unsere Schleichkunst verlassen. So oder so gilt: Ähnlich wie Genreprimi Skyrim und Oblivion verbessern sich unsere Fähigkeiten, indem wir sie benutzen. Stats wie Schwertkampf, Schleichen, Taschendiebstahl oder Bogenschießen werden mit der Übung immer besser und führen letztlich zum Levelaufstieg, der uns mehr Vitalität oder Schnelligkeit beschert. So weit, so üblich – wollen wir aber Fähigkeiten wie Alchemie, Erste Hilfe oder das Schreiben lernen, so müssen wir besondere Lehrer – gerne mal meilenweit entfernt, was auch mit dem Pferd etwas dauern kann – aufsuchen. Und die Fähigkeiten sind nützlich: Haben wir uns durch einen kleinen Sturz eine Blutung zugezogen, so müssen wir schnellstmöglich einen Arzt aufsuchen oder die Wunde selbst verbinden – ansonsten war es das. Das ist der Realismus, der Kingdom Come: Deliverance ausmacht. Wir können viele Missionen auf unterschiedliche Art und Weise lösen, unseren Charakter nach Wunsch ausrüsten und trainieren und fühlen uns dennoch in diese mittelalterliche Gesellschaft absorbiert. Super!

Und das macht in Summe auch Spaß, wären da nicht die ganzen Bugs und Fehler, die Kingdom Come: Deliverance schon seit Release plagen. Trotz eines 25GB-Patches zum Release-Tag hat besonders das Speichersystem ordentlich Kritik abbekommen. Das speichert nämlich nur an bestimmten Stellen und für “Manuelles Speichern” benötigt man bestimmte Items. Was in anderen Spielen ein Hardcore-Modus ist, das war hier bis Patch 1.03 Standard. Der neueste Patch hat aber an einigen Stellen die Performance verbessert, ein “Save & Quit”-System eingeführt und mutmaßlich auch das hässliche und oft auftretende Nachladen von Texturen ausgebessert. Warum das aber beinahe einen kompletten Monat gedauert hat, zumindest das Speichersystem auszubessern, das bleibt schleierhaft. Insgesamt ist das Verhalten des Studios aber durch und durch löblich, auf das Feedback zu hören und Kingdom Come: Deliverance aufzupolieren.

Solltet ihr aber Kingdom Come: Deliverance auf Konsole spielen wollen, so seid gewarnt: Das User Interface von Kingdom Come: Deliverance ist auf Konsolen eine absolute Katastrophe. Zwischen dem Spieler und dem Fernseher liegen in der Regel ein paar Meter Abstand – und die machen das Interface zur Qual. Der Kompass und seine Symbole sind drastisch zu klein geraten, die Menüs sind unübersichtlich, schlecht erreichbar und mit zu kleinem Text beschriftet. Man darf erahnen, wie lange das Fleisch noch haltbar ist oder ob der Kompassmarker jetzt A oder B anzeigt. Und wenn man beim Marker für eine Quest ankommt, wird meist nur ein allgemeines Gebiet markiert – suchen darf man selbst. Das mag in bestimmten Quests sinnvoll sein, aber einen Bauernhof nach einer Schaufel absuchen? Nein, danke. Glücklicherweise können sich PC-Spieler mit Mods aushelfen – den Konsoleros bleibt das verwehrt. Man darf nur hoffen, dass Warhorse Studios uns bald ein anpassbares UI bietet, wie es Horizon Zero Dawn so vorbildlich vorgemacht hat.

Einen Vorteil hat das kleine Interface ja: Man kann die Spielwelt besser bewundern. Die mit der CryEngine gestalteten Umgebungen sehen nämlich dermaßen schön und überzeugend aus, wie man es selten gesehen hat. Die bewaldete Landschaft Böhmens ist wunderschön in Szene gesetzt und musikalisch perfekt untermalt. Die Atmosphäre und das Zusammenspiel von Grafik und Sound ist eine der größten Stärken von Kingdom Come: Deliverance.

Unser Fazit:
Kingdome Come: Deliverance ist wie ein guter Cheeseburger. Verdammt lecker, schön anzusehen und wenn man gerade richtig in Fahrt kommt – dann beißt man auf die Gurke. Die schönen Umgebungen, die packende historische Kulisse und das fordernde Kampfsystem werden leider all zu oft von ungeladenen Texturen, dem wenig durchdachten Speichersystem und dem katastrophalen Interface zerrissen. Kingdome Come: Deliverance ist sich selbst der größte Feind. Aber wir haben Hoffnung, dass der Entwickler hier bald weiter nachbessern wird. Wer diese Hoffnung teilt, der darf Kingdome Come: Deliverance alleine für seine frische Herangehensweise ans Genre eine Chance geben.

Wertung: (3,7 / 5)