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Ni No Kuni 2: Schicksal eines Königsreichs im Test – Hält die Magie noch immer an?

Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass Ni No Kuni: Der Fluch der weißen Königin auf der PlayStation 3 erschienen ist. Für viele Fans war das Kollabowerk von Level 5 und dem berühmten Studio Ghibli das beste Japano-Rollenspiel der damaligen Konsolengeneration. Der zweite Teil, Ni No Kuni 2: Schicksal eines Königreichs, muss allerdings ohne die Zusammenarbeit von Studio Ghibli seinen Test bestehen, denn die haben dieses Mal nicht mitgewirkt. Ob es Level 5 dennoch erneut gelungen ist einen Genreprimus zu entwickeln, erfahrt ihr in unserem Test.

Gerade als Freund japanischer (Rollen-)Spiele weiß man, dass auf das Studio Level 5 zumeist immer Verlass ist. Seien es Dark Cloud und Rogue Galaxy auf der PlayStation 2 oder die Professor-Layton-Reihe auf dem Nintendo (3)DS. So hat man den Entwicklern auch die zahlreichen Verschiebungen von Ni No Kuni 2 verziehen, denn man wusste: Das Warten wird sich lohnen.
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Darum geht es es in Ni No Kuni 2: Ihr schlüpft diesmal nicht in die Haut von Oliver und seinem treuen Begleiter Tröpfchen, sondern begleitet den Präsidenten Roland, der nach einem Raketenangriff auf seine Fahrzeug-Kolonne in einer anderen Welt aufwacht. Ihr trefft direkt in den ersten Minuten auf Evan, ein kleines Kind und rechtmäßiger Thronfolger von Katzbuckel. Doch das sieht das Volk der Mauß anders und reißt sich in einem Putsch das Königreich unter den Nagel. Daraufhin beginnt ein rund 30-35 stündiges Abenteuer, mit dem klaren Ziel, wieder Frieden in die Welt zu bringen.

Roland scheint sich keinerlei Gedanken darüber zu machen, wieso er eigentlich in dieser Welt und was eigentlich mit ihm passiert ist. Stattdessen akzeptiert er seine Rolle als gegeben und hilft dem jungen Evan, in seine Rolle als König hineinzuwachsen. Diese fehlende Reflexion der geschehenen Ereignisse und Motivationen ist generell so ein Thema in Ni No Kuni 2. Alles, was in den ersten 15 Stunden passiert, wird euch auf sehr triviale Art und Weise nahe gebracht und kaum ein Charakter wird dabei näher definiert. Das ist einerseits sehr schade, andererseits passt es zum Spiel. Denn Ni No Kuni 2 ist generell sehr leichte Kost – inhaltlich, erzählerisch und auch spielerisch.

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Wohingegen das erste Ni No Kuni eine leichte Identitätskrise hatte, was es eigentlich sein möchte (eine sehr kindgerechte Geschichte mit schönen moralischen Ansichten und Werten, gepaart mit einem unbalancierten Kampfsystem, welches viele kleinere Kinder überfordert) ist bei Ni No Kuni 2 der Kurs klar vorgegeben. Wer noch nie etwas mit dem Thema JRPG zu tun hatte, wird kaum ein besseres Spiel zum Einsteigen finden als Ni No Kuni 2.

Das zeigt sich in den sehr simpel gehaltenen Mechaniken in punkto Ausrüstung, Skills und Aufwertungen und auch im Kampfsystem, welches wenig taktischen Tiefgang bietet und zu keiner Sekunde wirklich fordernd ist. Das Kampfsystem lässt sich am ehesten mit dem aus den “Tales Of”-Ablegern vergleichen – ein dynamisches System in Echtzeit. Ihr besitzt einen leichten und einen schweren Angriff, ergänzend eine Fernkampfattacke und habt über die Schultertaste die Möglichkeit, diverse Abilities auszuführen. Doch dieses neue System steht dem Titel viel besser als das unausgereifte und verkrampfte Kampfsystem des Vorgängers.

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Dass die gesamte Präsentation stark vereinfacht wirkt, macht das Spiel allerdings keineswegs schlechter, denn so entsteht nur wenig Leerlauf und ihr habt dauernd das nächste Ziel, die nächste Aufgabe oder die nächste Schlacht vor euch, ohne lange Grinding-Pausen einzulegen (ich schaue Dich an Xenoblade Chronicles 2!). Übrigens: Aus diesen drei erwähnten Aufgaben besteht zu einem Großteil euer Abenteueralltag – doch gehen wir einmal näher darauf ein. Da Evan sein Königreich durch einen Putsch verloren hat, gründet er kurzerhand nach ca. 10 Stunden Spielzeit ein neues Königreich – Minapolis.

Doch ein Königreich muss erst einmal wachsen und gedeihen und dafür müssen Leute überzeugt werden, welche euer neugegründetes Reich mit ihren Fertigkeiten voranbringen. Dafür müsst ihr erst einmal die Gebäude bauen, in denen ihr eure Rekruten arbeiten lassen könnt. Hier erforscht ihr neue Schmiedekünste, erlernt neue Zauber, baut Rohstoffe ab oder erweitert euer Lager. Nach und nach stehen euch zunehmend mehr Forschungen zur Verfügung und ihr könnt euer Königreich auf den nächsten Rang heben. Aus dieser Aufgabe besteht ein großer Teil eurer Spielzeit. Doch natürlich schließen sich diese Leute euch nicht blind an, sondern stellen euch vor verschiedene Aufgaben, die es zu erfüllen gilt.

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Diese Aufgaben können lauten „Beschaffe mir 3x ein bestimmtes Item“, „Gewinnt die Schlacht XY“ oder „Besiegt den Gegner XY“ – was in der Theorie recht repetitiv klingt, bestätigt sich leider in der Praxis. Denn gerade die zu besiegenden Mobs bestehen aus einer Menge Backtracking, welches mal mehr und mal weniger gut umgesetzt ist. In den besseren Beispielen besucht ihr zwar bekannte Gebiete, entdeckt aber bisher unbekannte Areale, auf der anderen Seite lauft ihr aber oftmals wirklich nur Gegenden ab, in denen ihr schon öfter gewesen seid. Dennoch freut ihr euch stets über den Fortschritt, wenn es mit eurem Reich vorangeht und ihr neue Dinge erforschen oder bauen könnt.

Das neuen Schlachtsystem erinnert etwas an Pikmin – ihr müsst in einem bestimmten Areal die Feinde in die Flucht schlagen und das Gebiet für euch beanspruchen. Das System ist ziemlich spaßig umgesetzt und stellenweise sogar recht fordernd im Vergleich zum Rest des Spiels. Auch hier gibt es eine Vielzahl an Kommandanten mit verschiedenen Abilities, welche es klug einzusetzen gilt. Eine tolle Neuerung. Je weiter ihr im Hauptspiel voranschreitet, desto mehr Nebenaufgaben für euer Königreich stehen euch zur Verfügung. Insgesamt gibt es knapp über 100 Anhänger, die ihr für euch und euer Vorhaben gewinnen könnt.

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Da könnt ihr euch grob ausmalen, wie viele Nebenaufgaben euch offen stehen, parallel zum Verlauf der Hauptgeschichte. Manchmal müsst ihr auch erst etwas Bestimmtes bauen oder erforschen, bevor Ihr in der Hauptstory voran kommt. Allerdings ergeben sich diese Dinge meistens von selbst und ziehen keinen größeren Aufwand mit sich. Ein kleines Manko an diesem System: Schachtel-Quests. Ein Problem, an dem Zelda: Skyward Sword bereits erstickt und gescheitert ist. Auch Ni No Kuni 2 bedient sich dieser Mechanik und kann ab und zu damit nerven.

Ihr bekommt eine Quest von einem NPC “Beschafft mir 3 Items. Person X kann euch sagen, wo ihr die Items findet”. Ihr lauft zu Person X und der sagt euch “Natürlich kann ich euch die Items geben, aber vorher erledigt Ihr bitte Y für mich”. So werden aus einer Aufgabe plötzlich fünf Aufgaben, aber ohne jede weitere inhaltliche Bewandtnis. Es ist ein sehr faules Questsystem, welches man in vielen zeitgemäßen JRPGs zum Glück nicht mehr vorfindet. Glücklicherweise besteht Ni No Kuni 2 nicht gänzlich aus solchen Mechaniken, wodurch man es relativ gut verschmerzen kann. Wer noch nicht allzu erfahren mit dem Genre ist, dem wird es unter Umständen ohnehin nicht mal so stark auffallen. Das ist also nicht so negativ gemeint, wie es eventuell wirkt – nur etwas, das dem geschulten Auge auffallen wird.

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Diese Kritikpunkte sind aber allesamt Jammern auf einem recht hohen Niveau, denn Ni No Kuni 2 besticht durch eine liebevolle Welt mit vielen tollen Ideen und Einfällen und macht auch wirklich viel richtig. Seien es die wirklich schönen Settings, wie zum Beispiel die Glücksspielstadt Goldorado, der charmante Grafikstil, der märchenhafte Soundtrack oder die witzige Social-Media Plattform „MechBook“. Letztere kommentiert euren Fortschritt oder macht euch auf neue Monster in der Region aufmerksam und beinhaltet sehr witzige Kommentare, wie sie (samt aktuellen Trends – “Was ist das für 1 Monster?”) von Twitter oder Instagram kommen könnten. Immer wieder war ich fasziniert von den tollen Ideen, die Level 5 mit ihrem typischen Charme im Spiel umgesetzt haben. Auch die Gnuffis, kleine Wesen, welche an die Waldgeister der Ghibli-Filme erinnern und euch im Kampf unterstützen, werden bei vielen für ein Schmunzeln sorgen.

Es gibt also viele Punkte, die euch wirklich in Ihren Bann ziehen und euch motivieren weiterzuspielen. Zudem gibt es, wie so oft, in Rollenspielen auch noch eine Menge nebenher zu entdecken, optionale Gegner zu besiegen und, und, und. Auch die Geschichte, die durchaus einige Stunden benötigt, bevor sie sich entfaltet, wird hinten raus bedeutend stärker und auch besser erzählt. Spätestens ab der Seestadt Quastenfloss weiß das Spiel auch mit seinem Humor zu überzeugen und bietet den verschiedenen Völkern die definierenden Charaktereigenschaften, die ich am Anfang des Spiels etwas vermisst habe.

Unser Fazit:

Kommen wir mal zum Ergebnis. Ist Ni No Kuni 2 das Spiel, welches ich mir sechs Jahre lang gewünscht habe? Jein. Ist Ni No Kuni 2 dennoch ein tolles JRPG? Ja! Level 5 hat es erneut geschafft, eine tolle Welt zu designen und einfach alles liebevoll aussehen zu lassen. Städte wie Goldorado sind wirklich ein Augenschmaus. Lediglich das repetitive Garnisons-System hätte etwas mehr Abwechslung benötigt und bei einigen Begegnungen hätte ich mir mehr Tiefgang gewünscht.

Doch das ist Jammern auf hohem Niveau, schließlich soll das Spiel nicht nur mich als JRPG-Veteranen seit über 20 Jahren ansprechen, sondern auch eine neue und bedeutend jüngere Zielgruppe – und da ist Ni No Kuni 2 perfekt. Als Türöffner in ein tolles und faszinierendes Genre. Ich habe trotz aller Kritikpunkte sehr viel Spaß mit dem Titel gehabt und mich stets dabei ertappt, wie ich “nur noch kurz die nächste Aufgabe mache” und dann doch wieder zwei Stunden ins Land zogen. Wer also noch nie Berührungen mit dem Genre hatte – oder das Genre liebt und neues Futter benötigt – sollte bei Ni No Kuni 2 definitiv zuschlagen.

Wertung: (3,8 / 5)

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