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Frostpunk im Test – Eiskalter Bürgermeister gesucht

Die Jungs und Mädels der 11 Bit Studios schicken mit Frostpunk ein ziemlich düsteres City-Survival ins Rennen. Bereits mit This War of Mine (wir testeten) hat das Studio bewiesen, dass es in der Lage ist, dem Spieler ein beklemmendes Gefühl zu vermitteln. Gekonnt eröffnen sie neue Sichtweisen auf bekannte Dinge und regen zum Nachdenken an. Doch gelingt dies dem polnischen Studio auch mit Frostpunk? Wir haben uns den Titel für euch genauer angeschaut. Ob sich ein Kauf lohnt, erfahrt ihr in unserem Test.

London, 19. Jahrhundert: Der ewige Winter kommt und er bringt einen unerbittlichen Frost mit sich. Das Leben wie wir es kennen existiert nicht mehr. Bunte Wiesen und Wälder weichen der weißen Einöde. Doch die letzten Überlebenden der Menschheit lassen sich nicht unterkriegen. Mit letzter Kraft suchen sie einen neuen Ort für ihre Existenz. Dabei führt sie ihre Reise an das nördliche Ende der Welt. Dieser Marsch kostet zahlreiche Männern, Frauen und Kindern das Leben. Doch das Risiko hat sich gelohnt: Inmitten eines verschneiten Kraters findet sich ein wärmespendender Generator.

Und genau an dieser Stelle schmeißt uns das unbarmherzige Frostpunk in die Rolle des Bürgermeisters. Um lebenswürdige Bedingungen zu schaffen, muss der Generator ans Laufen gebracht werden. Dies erfordert Kohle – der wohl wichtigste Rohstoff des Spiels. Dabei will die Rohstoffbeschaffung präzise abgestimmt werden. Aus diesem Grund ist entsprechend gutes Makromanagement gefragt. Der Überschuss einer Ressource geht oft mit dem Fehlen eines anderen Rohstoffes einher. Ohne Holz lassen sich keine Unterkünfte errichten. Dadurch werden die Menschen krank und können nicht mehr arbeiten, was noch weniger Baumaterialien bedeutet – es ist ein ewiger Teufelskreis.

Frostpunk ist in jeder Hinsicht wirklich gnadenlos – zum Glück! Denn so zwingt uns das Spiel zum Nachdenken. Jede Entscheidung hat harte Konsequenzen, mit denen wir leben müssen. Die Nahrungsrationen gehen aus? Wir könnten die Portionen halbieren – oder das Essen mit Sägemehl strecken. Das macht vielleicht satt, ist aber nicht wirklich gesund. Benötigen wir mehr Rohstoffe können wir Not-Schichten einführen – oder die Kinderarbeit erlauben. Jedoch müssen Entscheidungen nicht immer direkt getroffen werden. Es handelt sich oft lediglich um Vorschläge der Bevölkerung. Wir müssen also nicht umgehend zwischen Pest und Cholera wählen.

Zudem ist das Erlassen von Gesetzen ein weiterer, sehr wichtiger, Aspekt von Frostpunk. Jedes Gesetz beeinflusst die Hoffnungs- und Unzufriedenheits-Werte der gesamten Stadt. Außerdem bringt jedes erlassene Gesetz auch gewisse Verpflichtungen mit sich die erfüllt werden möchten. Ist man nicht in der Lage die gegebenen Versprechen einzuhalten, spürt man die entsprechenden Konsequenzen deutlich. Schnell formieren sich aufständische Bürger zu Widerständen.

Da sich jede Gesellschaft stetig entwickelt, muss man auch neue Wege der Rohstoffgewinnung und der Versorgung erforschen. Dazu bietet Frostpunk einen Tech-Tree, welcher sich nach dem Bau der Werkstatt aufrufen lässt. Dort sind alle möglichen Forschungen, in übersichtliche Kategorien gegliedert, aufgeführt. Neben neuen Möglichkeiten zur Ressourcenproduktion, lassen sich dort auch völlig neue Gebäude freischalten. Eines der wichtigsten dürfte wohl das Leuchtfeuer sein. Mit dem Errichten des Leuchtfeuers lassen sich Expeditionen in das umliegende Land schicken. Diese Expeditionen können verschollene Wanderer und wichtige Vorräte zu Tage födern.

Während das düstere Gefühl von This War of Mine auf dem Schicksal einiger weniger Menschen aufbaut, setzt Frostpunk auf moralisch verwerfliche Entscheidungen. Zwar besitzen die einzelnen Bewohner einen eigenen Namen, eine persönliche Bindung zu den Menschen entsteht aber nicht wirklich. Dennoch sorgen die Auswahlmöglichkeiten bei Entscheidungen und Gesetzen für ein unbehagliches Gefühl. Ihren Unmut äußern die Einwohner anhand von Texteinblendungen.

Neue Spieler sollten sich auf ein schnelles Ende vorbereiten, denn die Stimmung der Bewohner kippt schneller als einem lieb ist. Hat man es sich schlussendlich komplett mit seinem Volk verscherzt, wird man von selbigem in die digitale Eiswüste geschickt – ganz ohne wärmespendenden Generator.

Grafisch kann Frostpunk auf ein hervorragendes Steampunk-Artwork zurückgreifen. Die relativ kompakte Farbpalette zaubert eine düstere Atmosphäre auf den Schirm, die das Spielgefühl passend untermalt. Dennoch wirkt das Spiel irgendwie lebendig, denn die Bewohner sorgen für einen gewissen Wuselfaktor. Mit einem Anno-Gefühl sollte man jedoch nicht rechnen. Zudem bringt der Titel durch zahlreiche Effekte ein gewisses Detailreichtum auf die Mattscheibe. Schneestürme rauben uns, und den Bewohnern der Stadt, die Sicht und der Verlauf der Sonne macht einem schnell deutlich, wie kurz ein Arbeitstag eigentlich sein kann.

Beim Klang setzen die 11 Bit Studios auf einen orchestralen Soundtrack, der sich harmonisch ins Spielgeschehen einfügt und die düstere Stimmung zusätzlich verstärkt. Ansonsten sorgt der Ton selten für Ablenkung – was dem Spielgefühl zu Gute kommt. Der Generator brummelt vor sich hin und zwischenzeitlich brechen die Geräusche der wuselnden Menschen und der Schneestürme die eisige Stille. Somit sorgt Frostpunk auch mit dem Klangbild für das Gefühl einer heftigen Isolation.

Unser Fazit:
Frostpunk ist ein gnadenloses Spiel. Gnadenlos gegenüber dem Spieler, aber auch gnadenlos gut. Das Team der 11 Bit Studios hat es mal wieder geschafft, dem Spieler extrem moralische Entscheidungen aufzuerlegen. Man könnte fast sagen, dass jedes einzelne Gesetz über Leben und Tod der Bevölkerung entscheidet. Bis man den Dreh raus hat, vergehen etliche Anläufe. Dadurch wird der Spieler dazu gezwungen, außerhalb gesellschaftlicher Normen und eigener Werte zu denken. Doch genau das macht den Reiz des Spiels aus. Genre-Fans und Masochisten sollten sich Frostpunk auf keinen Fall entgehen lassen! Wir können also eine klare Kaufempfehlung aussprechen.

Wertung: (4,5 / 5)

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