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Detroit: Become Human im Test – Eine düstere Zukunft

In 30 Jahren sind wir alle Roboter. Das sagt zumindest Ray Kurzweil, wenn er über die technologische Singularität, also die Einheit zwischen Mensch und Maschine spricht. Ray Kurzweil spricht nicht vom “falls”, sondern “wann” diese Singularität eintritt – laut ihm passiert das im Jahr 2045. Ray Kurzweil ist Chief of Engineering bei Google – und Transhumanist.

Mischt man diese spannende Entwicklung mit einem Developer wie Quantic Dream, dann sind die Erwartungen hoch. Detroit: Become Human kommt nämlich aus dem gleichen Studio, das Perlen wie Fahrenheit oder Heavy Rain geschaffen hat und wirft uns in die Übergangsphase zur technologischen Singularität. Eine Zeit, die laut dem Chefingenieur von Google nur wenige Jahrzehnte entfernt liegt. Ob Detroit: Become Human ebenfalls eine kleine Revolution ist, das zeigt unser Test.

Detroit: Become Human katapultiert uns in das Jahr 2038 und in eine unruhige Zeit. Menschenähnliche Service-Roboter, so genannte Androiden, übernehmen den Großteil aller Aufgaben im Haushalt, verdrängen viele Menschen aus ihren Jobs und sind für die meisten Haushalte erschwinglich. Die Androiden sehen den Menschen dabei so ähnlich, dass man sie nur durch eine kleine LED an der Schläfe identifizieren kann, die sich je nach Gemütszustand – also Stabilität der Software – von babyblau zu blutrot verändert. Androiden sind gleichzeitig Fluch und Segen für die Gesellschaft: Große Marketingkampagnen preisen sie an, ihre Hilfe im Haushalt wird gerne gesehen, im Sport gewinnen sie Pokal nach Pokal. Gleichzeitig dürfen sie viele Bars und Clubs nicht betreten, werden im Falle von Verbrechen skeptisch als Verdächtige beäugt, haben ein eigenes Abteil im Bus und landen bei Fehlfunktion schnell auf der Mülldeponie. Wir schlüpfen in Detroit: Become Human in die synthetische Haut mehrerer Androiden.

Typisch für ein Spiel aus dem Hause Quantic Dream, die auch Heavy Rain entwickelt haben, wechselt Detroit: Become Human regelmäßig zwischen mehrerer Charaktere wie dem Polizei-Androiden Connor oder der Haushaltshilfe Marcus. Generell erinnert das Gameplay extrem an Heavy Rain und Beyond Two Souls: In vielen Sequenzen müssen wir zum Beispiel einfach den Müll rausbringen oder eine Bestellung für unseren Besitzer abholen, alles in Form kurzer Tasteneingaben, manchmal in Form von Quick Time Events. Wer dafür die Geduld aufbringt und der Atmosphäre ihre Zeit gibt, der wird mit spannenden Situationen belohnt, bei denen es um Leben und Tod geht und die die grandiose Atmosphäre von Detroit: Become Human ausmachen.

Eine solche Situation begegnet uns schon in der ersten Stunde von Detroit: Become Human. Connor wird zu einer Geiselnahme gerufen. Der Android hat die Tochter des Besitzers als Geisel genommen und droht, sich zusammen mit dem Kind vom Dach des Hochhauses zu stürzen. Connor soll vermitteln, wird aber von den menschlichen Polizisten wenig ernst genommen. Wir haben Gelegenheit, uns die Beweismittel in der Wohnung anzusehen und Hinweise zum Verbrechen zu sammeln – die Zeit läuft und ein Menschenleben ist in Gefahr. Das ist wirklich spannend.

Aber Beweise sammeln lohnt sich: Wir finden raus, dass der Android ausgetauscht werden sollte. Das hat er mitbekommen – und ist ausgeflippt. Wir können diese Information im Gespräch benutzen, um ihn weiter zu beruhigen. Detroit: Become Human belohnt die Suche nach Hinweisen mit neuen Gesprächsoptionen, die über Leben und Tod entscheiden können. Das Spiel hat nämlich wesentlich mehr Gelegenheiten, Charaktere sterben zu lassen, als noch der Vorgänger. Ich habe die erste Spielstunde ganze vier Mal gespielt, bis ich mit dem Ergebnis leben konnte. Absolut atemberaubend.

Natürlich kann man nicht das ganze Spiel ständig neu starten und muss schnell mit seinen Entscheidungen leben, die immer eine gewisse moralische Doppeldeutigkeit haben. Was auf der einen Seite gut und gerecht ist, hat auch negative Nebenwirkungen: So kann man es gerecht finden, einem drogenkranken Vater seine Tochter weg zu nehmen – oder man sieht die klaren, liebevollen Phasen, die er leider viel zu selten hat und bekommt Mitleid. Das Spiel stellt uns vor extreme Entscheidungen und das macht die geniale Stimmung aus. Ärgerlich: Die Dialogoptionen werden nur mit Attributen wie “Ehrlich” oder “Bedrohlich” gekennzeichnet. Eine Vorschau mit ganzen Sätzen würde weiter helfen, ungewünschte Reaktionen zu verhindern. Das hätten wir uns gewünscht.

Detroit: Become Human ist nicht nur erzählerisch eine absolute Granate, es ist auch aus technischer Sicht äußerst beeindruckend. Wir sind von Exklusiv-Titeln wie Uncharted 4, God of War oder Horizon: Zero Dawn grafische Prachtexemplare gewöhnt, bei denen Entwickler besonders am Ende einer Konsolengeneration zu Höchstformen auflaufen und die volle Hardware-Power der jeweiligen Konsole ausschöpfen können. Auch Detroit: Become Human ist hier keine Ausnahme: Das Spiel ist eine echte Augenweide. Egal, ob wir durch die belebte Einkaufsmeile von Detroit laufen, um eine Bestellung für unseren Besitzer zu holen oder in tiefer Nacht einen Tatort in einem verfallenen Haus betreten – das Spiel fühlt sich an wie ein Film. Das ist gewissermaßen ja das Trademarkt von Quantic Dream, so waren auch Heavy Rain und Beyond Two Souls mindestens als cineastisch zu bezeichnen. Und cineastisch, im besten Sinne des Wortes, ist auch die grafische und audiovisuelle Seite von Detroit: Become Human. Hier und da sind uns allerdings kleine Schwächen in Form unscharfer Texturen oder unbelebter Levelabschnitte aufgefallen. Zwar können von Androiden bevölkerte Settings so lebendig nicht sein, wie eine wirkliche Stadt hat sich Detroit aber nicht angefühlt. Hierfür waren die Abschnitte zu klein und mit sichtbaren Mauern begrenzt. Ein bisschen mehr Leben und – zumindest fiktive – Freiheit in der Levelgestaltung hätte dem Setting gut getan.

Unser Fazit:
Detroit: Become Human ist echt gruselig – und das ohne ein Horror-Spiel zu sein. Das Bild, das Quantic Dream von der Zukunft malt, könnte düsterer nicht sein: Androiden sind die Krone der menschlichen Entwicklung und schaffen es, die Menschheit zu entzweien und ins Chaos zu stürzen. Diese futuristische und hochrealistische Vision setzt Quantic Dream meisterhaft um. Wer über die manchmal langatmigen Sequenzen von Haushalt und Klavier spielen hinweg kommt, der wird in eine dramatische Geschichte voller endgültiger Entscheidungen und moralischer Zwielichtigkeit geworfen. Alles, was Detroit: Become Human macht, macht es besser als 95% der Konkurrenz. Ein großartiges Spiel und definitiv ein Anwärter auf das Spiel des Jahres.

Wer die anderen Titel von Quantic Dream mag und Interesse an Science Fiction oder einer guten Story hat – zuschlagen!

Wertung: (5 / 5)

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