in

Inglorious console

Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen. Voller Vorfreude hielt ich die glänzende Verpackung mit dem blauen Kringel in der Hand und sah mich schon im siebten Zockerhimmel. Als die Dreamcast im Oktober 1999 auf dem europäischen Markt veröffentlicht wurde sollte alles anders werden. 128Bit, Spielhallen-Feeling im Wohnzimmer, verbunden mit Millionen Spieler auf der ganzen Welt und das alles mit einer Konsole. Der Name der Konsole sagte ja bereits alles aus. Dreamcast… (Wortschöpfung aus Dream und Broadcast) Der Kasten mit dem Träume übertragen werden…

Ich packte meinen Traumwürfel aus, stöpselte ihn behutsam an den Fernseher an und legte zum ersten mal das Spiel Soulcalibur ein. Eine gute Entscheidung wie sich nach den ersten 2 Sekunden in der Arena mit Cerevantes, Kilik und Co. herausstellte. Wahnsinns Optik, flüssige Animationen und ein Effektfeuerwerk das seinesgleichen suchte. Man spürte förmlich die Wucht mit der die Klingen aufeinander trafen.
Ach wie war das schön. Eine wunderbare Zeit der spielerischen Unterhaltung war angebrochen.

Wie sich aber bereits nach wenigen Tagen herausstellte, sollte Soulcalibur nur einer von vielen spielerischen Höhepunkten bleiben. Ich konnte es natürlich nicht verantworten eine SEGA-Konsole zu besitzen ohne jemals mit dem blauen Igel Sonic die Schallmauer zu durchbrechen. Als wäre es nicht schon befriedigend genug in Highspeed vor einer traumhaften Inselkulisse ohne Ruckler vor einem riesigen Orca Wahl zu flüchten, war es auch noch möglich, kleine blaue Wesen – sogenannte Chaos – direkt vom Spiel in die Visual Memory Unit (Speicherkarte der Dreamcast) zu übertragen, um sie dann unterwegs pflegen zu können. Das ganze war mir schon fast ein wenig ungeheuer. Was sollte als nächstes kommen? Kameras die mein virtuelles Konterfei wie ich selbst aussehen lassen? Controller mit denen man durch Bewegung Spiele steuern kann?
So viel Spielspaß, unglaublich. Aber da war doch noch was? Ein… ein Modem. Ich hatte damals noch keinen eigenen Internetzugang, deswegen war das “WWW” für mich noch Neuland. Wie sollte denn das funktionieren? Mit einer Disc namens “Dreamkey” einem Kabel von der Telefondose zur Konsole ins Internet und das alles wieder vom Wohnzimmer aus, ohne die gemütliche Couch verlassen zu müssen?

Es war cool SEGA´s hauseigene Internetplattform Dream-Arena zu erkunden, auch wenn es anfangs nur wenige Inhalte zu erforschen gab. Surfen funktionierte also, aber wie sieht es mit dem Zocken aus? Alle Zweifel waren beseitigt, als ich das langersehnte PSO (Phantasy Star Universe) in meinen Händen hielt. Mit drei weiteren Mitstreitern den Planeten Ragol erkunden, fette Items sammeln, aufleveln und die niedlichen Mags (kleine Helferlein die über der Schulter des Spielers schwebten) füttern. Diablo in 3D, in der Zukunft mit einer (für damalige Verhältnisse) riesigen Spielwelt und einem Suchtfaktor, der mir heute noch ein Kribbeln in der Hand verursacht, wenn ich an den futuristischen Ladescreen denke, der mich mit dem Spielserver verbunden hat. Schnell hatte ich die Zeit um mich herum vergessen wenn ich dabei war fiese Monster zu plätten und meinen Charakter mit neuem Equipment auszurüsten. Stunde um Stunde verging beim Zocken. Der Spaß bzw. das Lachen verging mir dann leider auch, als ich die Telefonrechnung öffnete. 320,00 DM musste ich berappe, denn an die 3-6 Pfennig pro Minute, die der visionäre Internetspaß kostete, dachte ich natürlich nicht.

Naja was soll´s, dann spiele ich eben wieder ein cooles Singleplayer-Spiel. Auswahl war ja reichlich vorhanden. Shenmue hieß das Zauberwort. Eine zauberhafte und gleichzeitig mystische Reise in den fernen Osten mit dem smarten Ryu Hazuki,der den Tod seines Vaters rächen will. Auch wenn viele Versprechungen die vor dem Release des Spiels gemacht wurden nicht eingehalten wurden (z.B. dynamisches Verletzungs-System, usw.) überzeugte das Spiel mit bis dato unerreichter Spieltiefe und einer Stimmung die einem stundenlang vor den Fernseher fesselte. Man könnte die Liste hochkarätiger Dreamcast-Spiele beliebig lange fortsetzen. Jet Set Radio, Blue Stinger, Dynamite Cop, Powerstone 1 und 2, The Nomad Soul, Ultimate Fighting Championship, Seaman, The House of the Dead 2, jedes Genre war vertreten. Was konnte da noch schiefgehen? Viel, wie sich wenige Monate später herausstellte.Mir kam es damals schon komisch vor, dass das offizielle Dreamcast-Magazin kaum mehr Tests zu kommenden Spielen beinhaltete und deren Cover nur noch halbnackte C-Promis zierten. Die Werbung die SEGA in zahlreichen Printmags machte kam mir ebenfalls komisch vor. Wieso wurden Spiele wie Chu Chu Rocket beworben, anstatt Titel die die ganze Power der Konsole zeigen? Wieso wurden den Spielern kaum aussagekräftige Screenshots unter die Nase gehalten, die vermitteln wie viel Spaß man mit dem weißen Kasten haben kann. Wieso wurde das Werbebudget für teure Arsenal London-Trikotwerbung vernichtet?

All das spielte aber am 24.01.2001, als die Meldung an die Öffentlichkeit drang, dass SEGA die Konsolenproduktion der DC einstelle, keine Rolle mehr. Der 24.01.2001 war der Tag an dem die Erde stillstand. Für mich und ein paar weiterer Dreamcast-Anhänger. Warum eine so vielversprechende Konsole mit derartig vielen Möglichkeiten und guter Funktionalität so scheitern konnte ist mir bis heute ein Rätsel. Alles was mir bleibt ist meine Dreamcast, die noch bis heute an meinen LCD angeschlossen ist und die Erinnerung an wundervolle Stunden voller Spielspaß. Rest In Piece Dreamcast…

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Loading…