Far Cry 5 im Test – Willkommen in der Sekte

Far Cry 5 will sich von alten Tugenden lösen und dem Spieler etwas Neues bieten. Nach Ausflügen in die Karibik, das Himalaya-Gebirge und sogar in die Steinzeit, geht es dieses Mal ins amerikanische Montana der Neuzeit – eine grüne Idylle im tiefsten Nordwesten der vereinigten Staaten von Amerika. Dieses Mal soll zudem alles etwas erwachsener und weniger klamaukig sein. Ob dem Spiel der Spagat zwischen offenem Sandbox-Abenteuer-Spielplatz und ernster Story gelingt, erfährst Du in unserer Review.

Ein verregneter Abend in Montana. Im Helikopter eine Reihe von Gesetzeshütern, die sich nicht sicher sind, ob ihr Vorhaben wirklich so angebracht ist. Während sie eine riesige Statue von Joseph Seed umfliegen, stärken sich die Zweifel – schließlich ist der religiöse Fanatiker Joseph Seed Gründer der Sekte „Eden’s Gate“ und scharrt eine Menge Anhänger um sich. Doch Job ist Job. Also bahnen wir uns unseren Weg zur Kirche, begleitet von einer Menge grimmiger Sektenanhänger. Doch der Vater, wie er von seinen Anhängern genannt wird, leistet keinen Widerstand – er hat gewusst, dass dieser Moment eintreten würde und ist sich sicher „Gott wird das nicht zulassen“ – und er soll Recht behalten. Ein Mob wütender Anhänger stürzt sich kurz vor dem Abflug auf unseren Helikopter und lässt uns Joseph nicht verhaften. Ein Großteil unserer Begleiter sterben und wir müssen flüchten und uns verstecken.

Die Atmosphäre der ersten zwanzig Minuten von Far Cry 5 hat mich direkt in ihren Bann gezogen. Die Inszenierung aus Dokumentation, Zeitzeugenberichten und dem eigenen (scheiternden) Polizeieinsatz wirft einen direkt in die Story und präsentiert uns den Antagonisten und seine Sippschaft auf dem Silbertablett. Zwar sind die Far-Cry-Intros ohnehin berüchtigt, doch Far Cry 5 setzt der Reihe die Krone auf. Generell finde ich die Thematik „religiöser Fanatiker / Fanatismus“ in Videospielen immer sehr interessant, wenn es gut inszeniert ist. Siehe Bioshock Infinite und Zachary Comstock. Doch kaum überstehen wir die Einleitung und das kurze Tutorial, verwässert die dichte Atmosphäre und wir befinden uns im riesigen Mach-was-du-willst-Abenteuerspielplatz von Montana.

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Und so starten wir als Deputy (auch genannt „Rookie“) unseren (Rache-)Feldzug gegen Eden’s Gate und verhelfen dem Staat Montana zur Freiheit. Doch Joseph Seed ist nicht alleine. Neben seinen Anhängern scharrt er seine Geschwister John, Jacob und Faith Seed um sich, welche in Far Cry 5 die Anführer ihr jeweiligen Gebietes sind. So liegt es an uns, wo wir beginnen wollen den Widerstand aufzubauen und das Land zurückzuerobern. Wir können jederzeit in jedes Gebiet und überall Aufträge annehmen. Jedoch gibt es eine empfohlene Reihenfolge, zumindest was den Schwierigkeitsgrad des jeweiligen Gebietes betrifft. Deshalb werden die meisten Spieler wahrscheinlich in John Seeds Gebiet „Holland Valley“ beginnen.

Abseits davon wird aber jeder Spieler fortan sein eigenes Abenteuer erleben. Dabei fallen uns direkt zu Beginn einige Änderungen ins Auge. Wie zum Beispiel der Verzicht der Minimap oder dass wir keine Türme mehr erklimmen müssen. Wie bereits bei „Ghost Recon: Wildlands“ und „Assassin’s Creed Origins“ verzichtet auch Far Cry 5 auf „die typische Ubisoft-Formel“. Man kann wohl behaupten, dass der Entwickler endgültig einen neuen Weg für sich und seine Ableger gefunden hat – einen moderneren nämlich. Nur die wenigsten Questgeber sind auf unserer Map fest vorgegeben, um uns zumindest in eine grobe Richtung zu leiten. Die restlichen Questgeber finden wir zumeist durch Dialoge mit den Anwohnern. Diese können mal ernster und mal lustiger sein. Es gibt zudem viele Anspielungen auf aktuelle (politische) Debatten, wie zum Beispiel Trumps Pipi-Affäre.

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Doch Far Cry wäre nicht Far Cry, wenn es nicht auch Nebenaufgaben gäbe. So kannst Du beispielsweise auf die Jagd gehen, um Geld zu verdienen. Die meisten Crafting-Aspekte sind direkt in unseren „Vorteils-Baum“ gewandert, unseren Skillbaum. Durch das Erfüllen von diversen Herausforderungen und Nebenmissionen gewinnen wir Vorteilspunkte, die wir daraufhin in den Baum investieren können. Die Nebenmissionen in Far Cry 5 sind weniger anspruchsvoll als die Storymissionen, welche meist wirklich großartig inszeniert sind – und bestehen mal aus Angeln, mal daraus ein Lager zu räumen oder Geiseln zu befreien. Das Open-World-Schema-F eben. Durch die verschiedenen Herangehensweisen wird es dennoch spielerisch nicht allzu schnell langweilig – auch wenn wir im Kern mehrfach das gleiche machen.

Ergänzt wird das Spielgefühl durch unsere Begleiter und einem relativ großen Fuhrpark an Fahrzeugen, Booten, Flugzeugen als auch Helikoptern, welche wir nach und nach freischalten. Die Begleiter, neun an der Zahl, sind eine der großen Neuerungen von Far Cry 5. Begleitet werden diese immer von einer Mission, in der wir den Begleiter freischalten und für uns gewinnen. Sei es der Hund Boomer, welcher die Gegner für uns markiert, die Scharfschützin Grace, welche aus dem Hinterhalt für uns Gegner erledigt oder der Grizzlybär Cheeseburger, welcher zwar diabeteskrank ist, aber zerstörerisch als Tank durch feindliche Lager wütet – die jeweiligen Begleiter geben uns einen neuen taktischen Ansatz in den Missionen.

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Alternativ kannst Du auch via Online-Koop mit einem guten Kumpel zusammenspielen, allerdings übernimmt nur der Host der Sitzung den Spielfortschritt. Eine Entscheidung, welche mir noch immer schleierhaft ist. Schließlich hat der Partner meist keinen Bock darauf, dass alles in seinem eigenen Spielstand noch mal machen zu müssen. Schade.
Das Spiel mit der KI klappt mal mehr und mal weniger gut. Generell ist die KI einer meiner größten Kritikpunkte in Far Cry 5. Deine Begleiter – und auch die Gegner – agieren oftmals nicht sehr klug, manchmal dafür aber auch überpräzise. Dieser Wechsel nervt auf Dauer ein wenig. Entweder ein Gegner sieht dich nicht mal, wenn Du vor ihm stehst, dafür sieht euch ein anderer Gegner aus 250 Metern Entfernung. Genauso verhält es sich mit euren Begleitern. An und für sich klappt es bis auf diese erwähnten Ausreißer aber dennoch ganz gut.

Grafisch ist der Titel auf jeden Fall in den oberen Ligen einzuordnen. Die Wälder Minnesotas sehen wirklich atemberaubend aus und machen durchgehend eine gute Figur. Testen konnte ich das Spiel auf der Xbox One (X), als auch dem PC. Auf der Xbox One X läuft das Spiel mit durchgehenden 30fps und einer Auflösung von 3.840×2.160 Pixeln. Auf dem PC hängt es natürlich von der eigenen Hardware und den damit möglichen Settings ab. Doch auch auf der normalen Xbox One, auf der es mit einer Auflösung von 1.440×1.080 bei 30fps läuft, konnte ich bis auf kleine Hänger bei größeren Explosionen keine Mankos feststellen. Insgesamt läuft das Spiel sehr flüssig und weich, selbst wenn es mal rasanter zur Sache geht.

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Schafft es Far Cry 5 nun eine stringente Story zu erzählen, trotz der vielen spielerischen Freiheiten!? Die Antwort lautet: Jein. Man hat durchgehend das Gefühl, Montana Stück für Stück zurückzuerobern, aber dennoch verwässert die Intensität im großen Abenteuerspielplatz. Das ist einfach der Open World und den vielen Möglichkeiten geschuldet. Dennoch weiß das Spiel seine Schwäche etwas zu kaschieren. Je nachdem, wie weit dein Fortschritt im jeweiligen Gebiet ist, wirst du von der Familie Seed hören, denn die löst das Voranschreiten nicht ohne weiteres auf sich sitzen. So wirst du entführt, gefoltert, musst auch mal aus der Gefangenschaft entkommen und gewinnst so nach und nach ein Gefühl für eure Widersacher.

Das hat mir ehrlich gesagt richtig gut gefallen, denn diese Missionen sind richtig intensiv und bombastisch inszeniert. Zudem sind die Antagonisten greifbar und ihre Motivationen – auf ihre eigene (kranke) Art und Weise – nachvollziehbar. Das macht die Gegenspieler sehr authentisch und gerade von Faith Seed, der jüngeren adoptierten Schwester von Joseph, war ich am Ende sehr angetan. Also der gesamte Seed Clan wird dir noch länger im Gedächtnis bleiben – für mich sind sie die bisher besten Antagonisten der Reihe. Somit gelingt der Spagat zwischen Erzählung und Open World also nicht durchgehend, hat aber alle paar Spielstunden wieder sehr intensive Momente. Definitiv ein Schritt in die richtige Richtung.

Unser Fazit:
Far Cry 5 ist definitiv das erste Shooter-Highlight 2018. Ubisoft hat sich die Kritik der letzten Teile zu Herzen genommen und bei Far Cry 5 an einigen entscheidenden Stellschrauben gedreht. So muss man nicht mehr alle fünf Meter anhalten, um ein angreifendes Tier abzuwehren und zu häuten oder einen Turm zu erklimmen, der uns fortan die Karte aufdeckt und als Schnellreisepunkt dient. Im Kern ist sich die Reihe noch immer treu, doch es spielt sich dynamischer als seine Vorgänger.

Lediglich der Punkt, das der Koop-Modus nur halb zu Ende gedacht ist, sorgt neben der hin und wieder hölzernen KI für Ernüchterung. Vor allem gibt es keinen logischen Grund dafür, wieso nur ein Spieler den Fortschritt übernimmt. Schließlich haben in Ghost Recon Wildlands alle Beteiligten den Fortschritt gesichert und jeder konnte für sich an der Stelle Solo oder im Team weiterspielen. Abseits davon ist Far Cry 5 aber eine Gaudi für Freunde von gelungenen Sandbox-Titeln. Die Welt ist dynamisch, sie ist atemberaubend schön und die Seeds sind sehr gelungene Antagonisten. Von mir gibt es eine klare Empfehlung.

Wertung: (3,7 / 5)

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