Agony im Test – Wird es dem Trailer-Hype gerecht?

Man kann bei Kickstarter-Projekten nie wissen, ob sie gut werden. Genau wie bei Early Access-Titeln bezahlt man für Dinge, deren Wert man noch nicht prüfen kann – und erhält entweder ein absolut geniales Spiel oder absoluten Müll. In Sachen PR-Arbeit hat Entwickler Madmind Studio bei seinem Fantasy-Horror-Titel Agony jedenfalls alles richtig gemacht und ordentlich Hype für den virtuellen Höllentrip erzeugt. Was Agony taugt und was es an Potential liegen lässt, das klärt der Test.

Wenig Spiele haben sich bisher authentisch an die christliche Hölle herangewagt. Titel wie Dantes Inferno waren eher eine Klopperei mit dem Teufel als eine wirkliche Fahrt in die Unterwelt. Agony aber möchte es anders machen: Verpackt in ein Horror-Game fallen wir, in der Haut einer nicht ganz klar benannten verlorenen Seele, in den Höllenschlund und versuchen wieder einen Weg hinaus zu finden. Unser eigenes Ziel und unsere, wie bei vielen anderen verlorenen Seelen, einzige Erinnerung: die rote Göttin. Die gelegentlich schemenhaft auftauchende Dämonin scheint eine Art Herrscherin in der Hölle zu sein, so schwärmt doch jeder Hölleninsasse von ihr und auch wir kriegen sie nicht aus dem Kopf.

Die Geschichte von Agony ist mit Sicherheit mindestens interessant, weil neuartig. Kaum ein Spiel befasst sich mit der Hölle als (einziges) Setting, was Agony umso besonderer macht. Die Story wird hauptsächlich über kurze Zwischensequenzen und gefundene Schriftstücke erzählt. Die gefundenen Mono- und gesprochenen Dialoge sind allerdings inhaltlich spannend und handwerklich einigermaßen gut vertont. Die Qualität der Sprecher ist nicht an allen Stellen superb – die Mühe, wie eine gequälte Seele zu klingen, haben sich die Sprecher aber gegeben und jeden Dialog mit verwirrtem Stammeln oder qualvollen Schreien unterlegt. In Summe ist die Geschichte von Agony spannend, lässt aber viele Möglichkeiten liegen. Das Spiel beginnt nämlich mit einer Sequenz des Höllensturzes – wir fallen also vom Himmel. Agony hätte aber wesentlich mehr von dem Protagonisten und seiner Höllenfahrt erzählen können. Das wäre spannend gewesen!

In Sachen Gameplay erinnert Agony sehr an gruselige Walking Simulators wie Outlast. Ein wirkliches Kampfsystem gibt es nicht – wie könnten wir auch Dämonen bekämpfen? – und die meisten Begegnungen mit den Höllenkreaturen müssen mit Verstecken umgangen werden. Das ist an Stellen extrem stressig und gruselig und unterstreicht die makabere Stimmung von Agony perfekt. Es ist am Ende aber kein neues Rezept und aus Spielen wie Outlast bereits bekannt. Agony erfindet hier das Rad nicht neu, baut aber eine spannende Atmosphäre auf. Der Rest des Gameplays ist unnötig kryptisch und kompliziert aufgebaut: Die manuellen Checkpoints werden als Seelen beschrieben, die gespeichert und bei mehrmaligem Gebrauch erlöschen. Warum nicht einfach ein normales Speichersystem, das jeder versteht? Wir wissen es nicht. Zusätzlich gibt es eine Reihe von Collectibles, deren Sinn Agony nicht erklärt, und eine Menge Dialoge mit gestrandeten Seelen, die eure Zeit selten wert sind. Insgesamt hat Agony trotz einer Mehrzahl verschiedener Enden kaum Wiederspielwert. Ein ganzes Stück blutiger soll Agony aber noch werden: Der Entwickler plant in naher Zukunft eine Unrated-Fassung mit mehr Blut, mehr Splatter, mehr Erotik und all dem Content, den Madmind Studio rausschneiden musste.

Das dürfte denjenigen gefallen, denen die blutige Darstellung der Hölle in Agony besonders gut gefällt. An den Kernproblemen des Spiels ändert eine solche Fassung aber nichts. Neben den verpassten dramaturgischen Möglichkeiten und dem wenig innovativen Gameplay ist Agony auch technisch nicht im Jahr 2018 angekommen. Schon während des Releases hatte Agony mit einigen Technikmakeln zu kämpfen, die das Entwickler-Team aktuell mühsam ausbügeln. Aber auch visuell ist Agony kein Meisterwerk: Die Umgebungen bieten zwar einige schöne Ausblicke, sehen sich an vielen Stellen viel zu ähnlich und auch generell zu generisch aus. Es fehlt einfach der WOW-Effekt, den das Setting anbietet und der auch durch die verschiedenen Trailer suggeriert wurde. Man kommt nicht drum herum, Agony das vorzuwerfen, was sich genügend andere Entwickler anhören müssen: Die Trailer sahen wesentlich besser aus als das fertige Spiel. Und das ist verdammt schade.

Nun kann man Agony natürlich einräumen, dass ein niedriges Budget in der Natur von Kickstarter liegt und man keine technischen Meisterwerke erwarten kann. Das ist korrekt: Wenn das Studio die notwendigen finanziellen Mittel hätte, bräuchte es kein Geld im Voraus in Form einer Kickstarter-Kampagne. Was Agony aber macht ist genau das, was wir spielen wie Aliens: Colonial Marines vorwerfen: die Trailer vermitteln ein Bild, das das fertige Spiel nicht in Ansätzen liefern kann. Auch Spiele ohne fotorealistische Grafik können Spaß machen – das haben Kickstarter-Projekte wie SUPERHOT oder Banner Saga gezeigt. Agony lässt in Summe zu viel Potential liegen, indem es sich in Sachen Storytelling unnötig schwer macht und dafür zu wenig Kreativität in puncto Gameplay steckt.

Unser Fazit:

Agony hätte ein grandioses Spiel werden können. Die Hölle ist ein unverbrauchtes Setting mit vielen Möglichkeiten für innovative Horror-Spiele. Was Madmind Studio daraus macht, ist ein gruseliger Walking-Simulator mit ausgelutschten Mechaniken und faulem Storytelling. Wir hätten uns angesichts des vorangegangenen Riesen-Hypes an allen Ecken mehr gewünscht. Sowohl grafisch, als auch spielerisch, kann Agony nicht überzeugen und ist nur etwas für Fans von Nischen-Titeln, die ihre Anforderungen nicht zu hoch stecken.

Wertung: (2,4 / 5)

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