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Fallout 76 im Test – Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Da ist es endlich: Fallout 76. Nach langer Wartezeit und einigen Präsentationen erfüllt Bethesda schließlich einen lang gehegten Wunsch vieler Fallout-Fans: Gemeinsam mit anderen Spielern online das Ödland erkunden. Wir haben uns Fallout 76 für euch angeschaut und verraten euch, warum Fallout 76 noch viele Probleme hat, wir aber voller Hoffnung sind.

Es ist der Reclamation Day. 300 Jahre und einen verheerenden Atomkrieg nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag sollen die Bewohner des Vault 76 im Jahre 2076 das Ödland von Strahlung und mutierten Kreaturen zurückerobern. Natürlich gehören auch wir dazu: Nach dem aus den Vorgängern bekannten Charakter-Editor startet die Tutorial-Quest und wir erlernen in den nächsten Spielstunden die wichtigsten Funktionen von Fallout 76.

Als ich Fallout 76 gestartet und meinen Charakter erstellt, meine Ausrüstung zusammengesammelt, die Vault verlassen und den serientypisch zögerlichen Blick in die blendende Sonne über dem postapokalyptischen Ödland gewagt habe, da war ich noch optimistisch. Bethesda ist spätestens seit The Elder Scrolls 3: Morrowind einer meiner liebsten Entwickler geworden. Meine Hoffnung, mit Fallout 76 ein waschechtes, postapokalyptisches MMORPG in meiner PlayStation zu haben, war seit der tollen Präsentation auf der diesjährigen Gamescom groß. Sobald wir die ersten Schritte ins Ödland gewagt haben, treffen wir in der ersten großen Stadt auf die Fraktion der “Volunteers”, die uns mit aufgezeichneten Audio-Holotapes auf zahlreiche Missionen schickt, um das Ödland von den sogenannten Scorched – eine Art Ghoul – zu befreien.

Der Großteil des Optimismus und der Motivation, mehr Zeit in Fallout 76 zu vertiefen, besteht aus der Hoffnung, dass die große Fallout-Erfahrung nicht weit entfernt ist, quasi hinter der nächsten Ecke auf der Straße liegt und all die tollen Abenteuer, Monsterjagden, PvP- und Überlebenskämpfe ihren Anfang finden. Spätestens nach wenigen Stunden Spielzeit setzt aber die Realität ein: Da ist sonst nicht viel mehr. Die Welt von Fallout 76 ist eine sterile, unbelebte Welt. Das mag im Setting nach einem Atomkrieg durchaus ein Kompliment sein, im Falle von Fallout 76 ist es aber schlicht ein Problem wirklich merkwürdiger Design-Entscheidungen. Merkwürdig deshalb, weil so etwas einem Studio wie Bethesda nicht passieren sollte. Ein Studio wie Bethesda, das uns The Elder Scrolls und DOOM geschenkt hat, sollte wissen, was die Fans wollen. Und das, was Fallout 76 da bietet, das wollen die wenigsten Fans – wer das nicht glaubt, muss sich nur die zahlreichen Spieler-Meinungen zu Fallout 76 durchlesen.

Eine erste Fehlentscheidung seitens Bethesda war es, jegliche menschliche NPCs aus Fallout 76 zu entfernen und durch Roboter zu ersetzen. Richtig gelesen: All die bunten, authentischen und einzigartigen Charaktere samt ihren Hintergründen, Motivationen und Geschichten, all die Wissenschaftler des Instituts, die Paladine der Brotherhood of Steel und der Legionäre aus Caesar’s Legion – das sind jetzt Roboter. Solche Roboter wie Mr. Handy aus Fallout 4 erteilen Quests, bieten Dialoge, tauschen Waren und sind im Endeffekt nur redende Anschlagtafeln, wie man sie aus The Witcher 3 kennt. Und da diese Roboter so viel Persönlichkeit besitzen wie ein sprechender Toaster, verkommt die klassische Fallout-Erfahrung zu einem Abarbeiten von Quests a la “Lauf von A nach B und setze das C in das D ein”. Das kann und darf einem Entwickler wie Bethesda nicht passieren.

Ein Gegenargument für den Mangel an NPCs mag sein, dass dafür ja andere Spieler das Ödland bevölkern und mit uns interagieren. Das macht in der Theorie großen Spaß, denn Spiele wie DayZ haben gezeigt, wie intensiv Begegnungen mit möglicherweise feindseligen Spielern sein können. Die Karte von Fallout 76 ist ungefähr vier mal so groß wie Fallout 4. Der Fehler seitens Bethesda war es nun, die maximale Spielerzahl pro Session auf 24 Spieler festzulegen. Wieder richtig gelesen: Zwei dutzend Spieler auf einer Map, die vierfach so groß ist wie das Monstrum Fallout 4. Und wenn die meisten Spieler alleine unterwegs sind und sich wenig um die anderen Spieler scheren, dann wird aus Fallout 76 eine unheimlich einsame und bisweilen langweilige Erfahrung. Wie können die spontanen Events und die zahlreichen Städte denn nur annähernd interessant sein, wenn die Karte so spärlich besiedelt ist? Nur 24 Spieler und sonst keine anderen Menschen, wenn das Ödland gerade frisch besiedelt wird? Ein großer Patzer, der im hart umkämpften MMO-Genre einem Todesstoß gleichkommt.

In Sachen Gameplay orientiert sich Fallout 76 stark an seinen Vorgängern. Wir haben das übliche First- oder Third-Person Kampfsystem samt Nahkampf-, Schuss-, Laserwaffen und Handgranaten. Mit denen bekämpfen wir mal schwache, mal besonders starke Scorched, Super Mutanten oder Blutfliegen. Das können wir entweder selbstständig oder mithilfe des V.A.T.S-Systems erledigen, das uns nun in Echtzeit als Zielhilfe unterstützt. So weit, so bekannt. Die S.P.E.C.I.A.L-Punkte machen ihr Comeback und können bei jedem Level-Up erhöht werden. Dazu kommen dann Perks in Form von Sammelkarten, die uns Boni, wie erhöhte Schadenswerte, mit bestimmten Waffenarten oder bessere Heilung durch Stimpacks bescheren. Das ist alles in allem einigermaßen typisch für ein Fallout-Spiel – das Skill-System fällt aber etwas verwirrend aus.

Möchten wir Gegenstände, Waffen, Rüstungen oder Teile für unsere eigene, aus dem Bausystem von Fallout 4 bekannte Basis bauen, benötigen wir Rohstoffe. Und hier wird es nervig: Jeder Ausflug endet im blinden Einsammeln von jeder kleinen Tasse, jedem Topf, jeder Packung Zigaretten. Für das Crafting benötigen wir nämlich allerlei Materialien, die wir hauptsächlich durch das Verwerten von gefundenem Schrott erhalten – dessen Gewicht uns zusätzlich belastet und uns Ausdauer kostet. Und da wir eh bei jedem zweiten Gegner irgendeine Waffe samt Munition finden, die sich kaum von der letzten unterscheidet, verliert das Crafting-System kräftig an Reiz. Wenigstens die Idee einer mobilen Basis, die wir frei konfigurieren und aufbauen können, ist in der Theorie eine witzige Sache. Leider brauchen die verschiedenen Teile entschieden zu viele Rohstoffe, sodass es ein mühsamer Prozess ist – wobei am Ende einer Session das sogenannte C.A.M.P so oder so zusammengepackt und im Inventar verstaut wird.

Rein technisch ist Fallout 76 durchwachsen. Grafisch bewegt es sich auf Niveau des Vorgängers. Es ist nicht so, als wären die Appalachen in Fallout 76 nicht schön. Es gibt hier und da schöne Ecken und düstere Ruinen, die stimmungsvobefindet sich in einem schlimmeren Zustand als andere Spiele zum Release.

Unser Fazit:
Bei all den Problemen, die Fallout 76 aktuell vorweist, habe ich trotzdem Hoffnung auf Besserung. Bethesda hat schließlich jüngst große Patches angekündigt, die vieles am Spiel verbessern sollen. Und groß mag was heißen: Der letzte Patch hatte über 40GB und hat kaum etwas geändert. Wir dürfen also hoffen, dass Bethesda das Ruder noch herumreißen kann, denn ansonsten droht ein großer Vertrauensverlust von langjährigen Fans, die sich durch die merkwürdigen Entscheidungen und Patzer bei Fallout 76 geprellt fühlen.

Vor einem Kauf sollte man also ruhig noch abwarten, ob und wie der Patch wirkt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wertung: (1,9 / 5)

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