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Anno 1800 im Test – Ganz wie früher

Endlich ist es soweit: Knappe Vier Jahre nach Anno 2205 setzt Ubisoft den City Builder mit Anno 1800 fort und besinnt sich trotz frischem Setting auf seine Wurzeln zurück. Ob das klappt und ob dem Spiel neben der industriellen auch eine spielerische Revolution gelingt, das klärt der Test.

Ich sage es vorab: Trotz einer Menge Nostalgie dank vieler toller Stunden in Anno 1602, 1503 & Co. hat mich das renommierte Franchise mit den letzten beiden Ablegern, Anno 2070 und 2205, komplett verloren. Das neue Sci-Fi-Setting, bemühte Neuerungen wie eine Spielinterne Börse und wirre Online-Funktionen hatten für mich nichts mehr zu tun mit dem gemütlichen City Builder aus alten Tagen. Anno stand immer für gemütliche Aufbau-Strategie samt einer Menge Suchtpotential – “Nur noch ein Gebäude”. Deswegen hat es mich umso gefreut, dass sich Anno 1800 mit dem Industriezeitalter im 19. Jahrhundert wieder auf seine historischen Wurzeln beruft – und das wirklich großartig umsetzt.

Aber eins nach dem anderen: Worum geht es in Anno 1800? Der neueste Ableger aus dem Hause Ubisoft versetzt uns in die industrielle Revolution. In dieser stürmischen Zeit schlüpfen wir in die Rolle eines selbst erstellten Statthalters. Mit dem können wir entweder direkt ins Freie Spiel springen oder eine Kampagne beginnen, die am Ende ebenfalls ins Freie Spiel übergeht. Die Kampagne dreht sich um unseren Vater, der unter mysteriösen Umständen zum Verräter verurteilt und in Haft verstorben ist. Unsere Schwester und wir kaufen also anschließend eine Insel für unsere kleine Stadt, um den Namen unserer Familie wieder rein zu waschen. Keine ambitionierte Geschichte, das stimmt. Und wer mich kennt, der weiß: Ich finde Kampagnen in Strategie-Spielen meistens gähnend langweilig. Und hier ist auch Anno 1800 keine Ausnahme. Man merkt aber dennoch, dass sich Ubisoft Mühe gegeben hat. Eine akzeptabel erzählte Geschichte, vertonte Dialoge und Cutscenes bereiten eine insgesamt unterhaltsame Kampagne für diejenigen, die darauf Wert legen. Wem eine Kampagne an dieser Stelle nicht wichtig ist, der kann auch – wie ich – direkt ins Freie Spiel springen. Denn da geht der Spaß erst so richtig los.

Anno funktioniert seit je her nach dem gleichen Konzept. Wir bauen auf einer frischen Insel einige Wohnhäuser und beginnen, Produktionsketten aufzubauen, um die Bedürfnisse unserer Einwohner zu befriedigen. Haben wir das geschafft und die Bewohner sind glücklich und zahlkräftig, können wir die Bewohner in die nächste Bevölkerungsstufe weiterentwickeln. Dann gibt es auch neue Gebäude, Bedürfnisse und Herausforderungen. Diese Stufen reichen in Anno 1800 in beeindruckende Höhen. So kann sich eine Bauernsiedlung schnell in eine dampfbetriebene Metropole mit wuseligen Straßen, rauchigen Fabriken und pompösen Wohnsiedlungen entwickeln. Diesen Entwicklungs-Loop kennen Fans der Reihe schon seit Jahren – und auch in Anno 1800 ist er besser denn je. Es ist wie im Genre-Kollegen Civilization unfassbar schwierig, eine Session abzubrechen – schließlich fehlt nur noch ein Gebäude und eine Ware für den nächsten Schritt.

Generell wollen wir unsere Siedlung so produktiv wie möglich machen. Schaffen wir das nicht alleine durch zufriedene Bürger, dann können wir auch etwas Propaganda einsetzen und unsere städtische Zeitung mit ein paar geschönten Nachrichten aufpolieren. So kassieren wir zum Beispiel ein erhöhtes Einkommen oder glücklichere Inselbewohner. Dazu kommen Spezial-Items wie besondere NPCs, die unsere Produktion steigern können. Ubisoft hat sich hier ganz dem Geiste der industriellen Revolution hingegeben und uns einige Freiheiten zur Steigerung der Produktivität gegeben.

Mit der “Arbeitskraft” hat Ubisoft aber noch ein weiteres Stellschräubchen eingebaut. Jede Bevölkerungsschicht, zum Beispiel Arbeiter oder Bauer, hat seine eigene Arbeitskraft, die für bestimmte Gebäude benötigt wird. Ein Bauer kann genausowenig in einer Fabrik schuften, wie ein Arbeiter eine Schweinefarm betreiben kann. Deshalb müssen wir gut mit der Arbeitskraft haushalten: Verwandeln wir alle unsere Bauern in Arbeiter, stehen die Mühlen still und unsere Einwohner bekommen kein Brot mehr. Die Einwohner werden unglücklich, zahlen keine Steuern mehr und ziehen aus – und dann wars das. Außerdem können wir Arbeiter auch nicht einfach so zu Bauern degradieren, weshalb wir uns unsere Stadtplanung im Voraus überlegen müssen.

Hierbei hilft auch der neue Blaupausen-Modus. Der erlaubt uns nämlich, Gebäude zu setzen, ohne sie wirklich zu bauen. So können wir ganze Stadtviertel im Voraus platzieren, die Ressourcen sammeln und die Gebäude anschließend Schritt für Schritt bauen. Bei einigen Produktionsgebäuden wie Farmen können wir ebenfalls die Felder manuell anlegen. Und wenn uns irgendwann ein Gebäude mal stört, können wir es – teilweise kostenlos – verschieben. Anno 1800 erlaubt es uns, die bislang schönsten Städte der Reihe so einfach wie nie zu vor zu bauen. Großartig!

Aber natürlich hört unsere Spielwelt nicht an der Küste unserer Insel auf. Wie in den Vorgängern können wir andere Inseln besiedeln oder Handel mit unseren Mitspielern treiben. Hier hat Ubisoft das Diplomatie-System entschlackt und feingeschliffen. Wir können gegenüber unseren Mitspielern nur eine handvoll Aktionen durchführen – und entweder die klappen oder sie klappen nicht. Dazu gehören Geldgeschenke oder Schmeichelei zur Verbesserung der Beziehung oder diplomatische Bestrebungen für Handelsbeziehungen oder sogar Allianzen. Und wenn das alles nichts bringt, können wir dem Gegner auch den Krieg erklären. Diese Änderungen machen die Interaktionen mit den anderen Spielern sehr einfach und zielgerichtet. Eine gute Entscheidung!

Um den Alltag auf der Insel etwas aufzulockern, kommen regelmäßig Nebenmissionen hinzu. Das können Expeditionen in die tropische “neue Welt”, Aufgaben unserer Einwohner wie ein Fotoshooting oder simple Lieferanten-Aufträge unserer Mitspieler sein. Das bringt etwas Abwechslung in den Städtebau.

Auf visueller Seite folgt Anno 1800 dem weichen Look, den Ubisoft schon mit Anno 1701 ausprobiert hat. Handgezeichnete Charaktere, wuselige Straßen und sehr detailreiche Gebäude – für die geringen Systemanforderungen, die Anno 1800 stellt, sieht es absolut grandios aus. Jedes Gebäude arbeitet, Schmelzöfen werden geschwenkt und Mehl wird gemahlen, Waren werden transportiert und Handelsschiffe legen am Kontor an. Jede Stadt fühlt sich lebendig an und macht Anno 1800 zum schönsten Teil der Reihe. Dazu kommt eine wunderschöne und passende musikalische Untermalung samt des klassischen Anno-Erzählers, der bei allen Fans für ein wohliges Gefühl beim Spielen sorgen dürfte. Und wer sich wundert, woher er die Stimme kennt: Ihr kennt sie von Xardas aus der Gothic-Reihe.

Auf rein technischer Ebene läuft Anno 1800 butterweich. Selbst mittelstarke Systeme sollten einiges aus Anno 1800 herauskitzeln dürfen. Abstürze, Bugs und dergleichen gab es keine – nur die Ladezeiten sind an einigen Stellen etwas lang ausgefallen.

Unser Fazit:

Anno 1800 ist mehr als solide – es ist der bislang beste Teil der Reihe. Veteranen werden sich dank bekannter Features sofort willkommen fühlen und müssen sich kaum an Neues gewöhnen. Erfrischende Features halten dennoch bei der Stange und machen jede Session zum puren Suchtmittel. Neueinsteiger können sich dank glattgeschliffener Mechaniken schnell ins Spiel hineinfinden und sich mit dem gemütlichen City-Builder anfreunden. So oder so: Anno 1800 macht einfach Spaß und ist eine dringende Empfehlung an jeden Fan von Städtebau-Simulatoren, die eine Balance aus Zugänglichkeit und Tiefgang zu schätzen wissen.

Wertung: 4.9 out of 5 stars (4,9 / 5)

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