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Death Stranding im Test – Das Genie kehrt zurück

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Mit Death Stranding ist am 08. November 2019 das erste Spiel von Hideo Kojima seit seiner turbulenten Trennung von Konami erschienen. Herausgekommen ist einer der besten Science-Fiction-Titel der letzten Jahre. Was Death Stranding kann, wo es seine Schwächen hat und warum es ein typisches Kojima-Game ist, das klärt der Test.

Wenn Hideo Kojima ein Spiel veröffentlicht, dann geht man mit einer gewissen Erwartung an das Erlebnis heran. Kojima hat nicht nur mit der Metal Gear Solid-Reihe sein Gespür für cineastische Meisterwerke bewiesen, auch die Storys der verschiedenen Teile waren maximal tiefgründig und komplex – teilweise sogar abschreckend komplex für viele Spieler. Deshalb war intuitiv auch meine erste Reaktion, nachdem ich ein neues Spiel in Death Stranding gestartet hatte – angesichts der nahenden Zwischensequenzen –, den Controller wegzulegen. Denn obwohl Death Stranding das erste Spiel von Hideo Kojimas eigenem Entwicklerstudio ist und er zum ersten Mal seit über 10 Jahren nichts mit Metal Gear Solid zu tun hat, trägt es doch dessen Handschrift.

Die erste Spielstunde wird größtenteils von Cutscenes gefüllt, die uns die bizarre Welt von Death Stranding näher bringen. Man merkt eindeutig, dass sich Hideo Kojima mit der Welt von Death Stranding so richtig ausgetobt hat: Es ist die Rede von Leerestürzen, Zeitregen, MULEs, der mysteriösen DOOMS-Krankheit, der schädlichen Chiralium-Chemikalie und den mordsgefährlichen GDs. Wir wollen nicht zu viel von der Geschichte verraten, aber kurz gesagt ist die Welt nach einem apokalyptischen Ereignis namens “Death Stranding” nicht mehr die gleiche. Die Menschen haben sich in Städte zurückgezogen, die Natur dazwischen ist von gefährlichen Zeitregen, marodierenden Banden und mysteriösen Geisterwesen aus dem Jenseits bevölkert. Niemand traut sich mehr heraus – außer den Boten, die Lieferungen zwischen den Städten austauschen. Einer davon sind wir – Sam Porter Bridges, gespielt von “The Walking Dead”-Star Norman Reedus. Und obwohl wir normalerweise nur unsere Pakete von A nach B tragen, bekommen wir die Aufgabe auferlegt, ganz Amerika zu retten – die wir nur zweifelnd annehmen.

Die Story von Death Stranding ist komplex und so verkopft, dass sogar Hideo Kojima selbst daran zweifelt, sie komplett zu verstehen – aber gleichzeitig ist sie eine der besten Science-Fiction-Storys, die die Videospiel-Branche in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Man muss lediglich offen an die Story herangehen und die zu Beginn abstrus wirkende Spielzeit akzeptieren – eigentlich die Kernkompetenz von Genre-Fans und Kojima-Kennern. Wenn man das schafft, wird man mit einer der besten Handlungen der letzten Jahre beschenkt. Absolut grandios!

Wenn man an Metal Gear Solid und vor allem an den letzten Ableger The Phantom Pain denkt, dann ist da nicht nur die pompöse Story, sondern auch verwirrende Gameplay-Mechaniken, die einem in den Sinn kommen. Der grundlegende Spielablauf von Death Stranding ist: Wir bekommen Fracht und Auftrag bei Punkt A und müssen sie bei Punkt B abliefern. Dort erhalten wir anschließend “Likes”, die unsere Beliebtheit erhöhen, neue Items freischalten und uns die Einlagerung höherer Mengen an Materialien erlauben. Undurchsichtige Mechaniken wie “Likes”, verschachtelte Menüs und wenig Motivation zur Charakterentwicklung schwächen die sonst starke Erfahrung ab.

Es hätte Death Stranding mit Sicherheit gut getan, wären die Menüs und Mechaniken simpler und übersichtlicher ausgefallen. Ein Beispiel: Wir können unsere Lieferungen in sogenannten Gemeinschaft-Briefkästen abliefern, um sie anderen Spielern anzuvertrauen oder die Nachrichten von anderen Spielern bewerten. Alternativ ist es auch möglich, unsere Ausrüstung zu spenden. Mit gefundenen Materialien können wir auch eigene Konstruktionen bauen, um sie mit anderen Spielern zu teilen: Finden wir einen ziemlich großen Fluss, den wir nur mit Mühe überqueren konnten, dann können wir mit genügend Materialien eine Brücke bauen, die uns und anderen Spielern die Zukunft erleichtert. Oder wir bauen einen Wachturm, mit dem andere Spieler ebenfalls die Karte und all ihre Gefahren sowie Schätze auskundschaften können. Besonders cool: Auch andere Spieler sind in der Lage, Material für unsere Bauwerke abzuliefern und wir können andere Spieler mit Materiallieferungen unterstützen. So entstehen mit der Zeit befestigte Frachtrouten, die uns und allen anderen Spieler von Death Stranding das virtuelle Leben vereinfachen. Das ist ein cooles Feature, um die Community miteinander zu verbinden, ohne die Atmosphäre zu stören.

Das wirklich Spannende spielt sich jedoch während der Lieferungen ab. Wir müssen uns vollbeladen durch die karge und bergige Natur kämpfen, das Gleichgewicht auf steilen Hängen halten, tiefe Flüsse durchqueren und Klippen mit Leitern und Seilen überwinden. Hier spielt auch die Verteilung unserer Last eine Rolle: Die verschiedenen Pakete können wir an unterschiedlichen Stellen unseres Körpers befestigen, zum Beispiel an der Schulter oder auf dem Rücken. Die Verteilung beeinflusst unsere Stabilität und Sturzgefahr. Wenn wir die Fracht also schlecht verteilen, dann stürzen wir öfter, sind schneller erschöpft, insgesamt langsamer und können sogar Teile unserer Fracht verlieren.

Als wäre das noch nicht genug, müssen wir den plündernden MULEs und den geisterhaften, unsichtbaren GDs ausweichen. Besonders letztere sind die Hauptgegner in Death Stranding und besonders fies: Die GDs können wir nur passiv über Scanner ausfindig machen und müssen uns an diesen vorbeischleichen. Kommen sie uns zu nahe, können wir nur die Luft anhalten und hoffen, dass wir nicht entdeckt werden. Erst im späteren Spielverlauf bekommen wir die Möglichkeit, uns die GDs mit speziellen Granaten vom Hals zu halten. Bis dahin heißt es: Vorsichtig sein!

Falls wir doch erwischt werden, heißt es: Beine in die Hand nehmen. Die Umgebung verändert sich stetig und wird von einer dunklen, ölartigen Flüssigkeit überflutet. Schaffen wir es aus dieser Todeszone, können wir den nächsten Außenposten doch noch erreichen. Wenn nicht, dann war es das – Sam wird als Wiederkehrer an den “Strand” befördert, von wo aus er wiederbelebt werden kann. Und dann geht es von vorne los. Obwohl die Landschaft sehr karg ist und es nicht viel zu entdecken gibt, sind die Lieferungen dank ständig drohender Gefahr und verschiedensten Herausforderungen durch Terrain und Gegnern sehr spannend. Und wenn es hart auf hart mit den GDs kommt, dann geht der Spaß erst richtig los. Das sind die Sternstunden, also die wirklich spannenden Momente, in Death Stranding.

Technisch ist Death Stranding grandios. Dank modernster Motion Capturing-Technologie und starken schauspielerischen Leistungen von Norman Reedus, Mads Mikkelsen und Guillermo Del Toro sind die Spielfiguren glaubhaft und sehr authentisch. Zusammen mit der zwar kargen, aber sehr schönen Spielwelt und den bislang einzigartig inszenierten Auseinandersetzungen mit den GDs, besitzt Death Stranding einen sehr besonderen Stil, der Fans von abgedrehten Adventures begeistern dürfte. Für den Soundtrack hat sich Musik-Liebhaber Kojima bei kleineren und mittelgroßen Bands bedient, um die ruhigeren Abschnitte der Lieferungen schön stimmig zu untermalen. Insgesamt wirkt und klingt Death Stranding nicht nur sehr stimmig, es läuft auch technisch problemlos und mit stabiler Framerate. So soll es sein.

Unser Fazit:

Death Stranding ist eines der besten Science-Fiction-Spiele der letzten Jahre und mit Sicherheit einer der vielversprechendsten Anwärter auf das Spiel des Jahres. Kojimas neugewonnene Unabhängigkeit schlägt sich in einem komplexen und einzigartigen Erlebnis nieder, das eine gewohnt facettenreiche Story mit ungewöhnlichem Gameplay verbindet. Gerne hätten einige Mechaniken zugunsten eines geradlinigen Spielablaufs gestrichen werden können. Insgesamt aber ist Death Stranding eine dringende Empfehlung für alle Spieler, die für neue Erfahrungen offen sind und mit den manchmal eigensinnigen Ideen von Hideo Kojima mithalten können. Death Stranding ist der Startschuss zu etwas sehr Großem.

Wertung: (4,9 / 5)

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