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Ori and the Will of the Wisps im Test – Meisterwerk mit Macken

Lange mussten wir warten: Nach dem großartigen Ori and the Blind Forest und der Ankündigung vor drei Jahren, ist nun endlich Ori and the Will of the Wisps erschienen. Die Fans haben hohe Erwartungen, nachdem der Vorgänger wie eine Bombe eingeschlagen ist. Wir klären im Test, ob Ori and the Will of the Wisps die Erwartungen erfüllt.

Die Geschichte von Ori and the Will of the Wisps beginnt so ziemlich am Ende von Ori and the Blind Forest. Der namensgebende Waldgeist Ori zieht mit seinen aus dem Vorgänger bekannten Gefährten Naru und Gumo die kleine Eule Ku groß. Die hat nämlich noch etwas Schwierigkeiten mit seinem ersten Flug und braucht erst einmal etwas Training. Nachdem Ku’s Freunde seinen verletzten Flügel flicken, klappt auch schon der erste wagemutige Flugversuch – samt Ori auf dem Rücken. Das bis zu dieser Stelle herzerwärmend inszenierte Intro wird sogleich von einem Gewittersturm unterbrochen, der Ku zum Absturz bringt und ihn von Ori trennt. Das Spiel beginnt.

Was nun folgt ist ein 10-15 stündiges Abenteuer mit dem Ziel, Ku zu finden. Dieses Abenteuer wird zwar wie gewohnt ohne “richtigen” Dialog und eher mit Mimik und Gestik erzählt, ist aber dennoch – oder gerade deshalb – so rührend. Die Geschichte von Ori and the Will of the Wisps über Freundschaft, das Gute und den Verfall einer wunderschönen Welt darf als einzigartig bezeichnet werden und ist Entwickler Moon Studios erneut grandios gelungen.

Diese Reise führt uns nicht nur durch alle Gemütszustande, sondern auch durch die verschiedensten Spielumgebungen – eines der Hauptmerkmale von Ori and the Will of the Wisps. Wir müssen nicht nur durch gemütlich-friedliche Wälder klettern, sondern auch wesentlich gefährlichere Terrains hinter uns bringen. Dazu gehören schneeverwehte Bergspitzen oder kahle, dunkle Höhlen, in denen jeder falsche Tritt – oder Sprung – den sicheren Tod bedeuten kann. Im Vergleich zu seinem Vorgänger bietet das Abenteuer in Ori and the Will of the Wisps eine noch größere Zahl abwechslungsreicher Umgebungen, die jede für sich andere Fähigkeiten benötigt. Dazu gehören nicht nur die altbekannten Doppelsprünge und Dashes, Ori and the Will of the Wisps fährt neue Fähigkeiten auf. Ein Beispiel dafür ist eine Höhle, die Ori duchqueren muss. Diese Höhle ist so dunkel, dass wir im Prinzip nichts sehen – wäre da nicht ein bestimmter Gegnertyp, der uns Licht spendet. Haben wir mit dessen Hilfe die Höhle durchquert, bekommen wir eine Fähigkeit, um selbst Licht zu erzeugen. Ori and the Will of the Wisps ist ein toller Metroidvania-Titel, der den Spieler mit neuen Fähigkeiten und somit mit neuen, erreichbaren Orten belohnt. Motivierend!

Zu einem guten Metroidvania gehört natürlich auch ein Kampfsystem. Während das im Vorgänger noch im Wesentlichen aus kleinen Lichtkügelchen bestand, die wir auf Gegner schießen konnten, hat Moon Studios sich viel Neues einfallen lassen. Unser Arsenal ist nämlich ein gutes Stück gewachsen und besteht jetzt auch aus einer schwertähnlichen Lichtscherbe, einem mächtigen Hammer oder einem Bogen, der sogar drei Pfeile gleichzeitig verschießen kann. Anstatt also nur zielsuchende Lichtpartikel abzuschießen, darf in Ori and the Will of the Wisps aktiv gekloppt werden. Angesichts spannender Boss-Kämpfe und verschiedener Gegnertypen, wie fliegenden Insekten und gepanzerten Kriechern, macht das so richtig Spaß!

Diese Fähigkeiten dürfen aber natürlich auch aufgewertet werden. Wer die riesige Welt von Ori and the Will of the Wisps durchsucht, findet Scherben und kann neue Fähigkeiten freischalten – zum Beispiel einen Dreifachsprung oder Schadensboni. Diese Scherben können beliebig getauscht werden und ersetzen die starren Talentbäume des Vorgängers. Und wer dazu noch die zahlreichen Nebenquests annimmt, kann Ori weiter aufbessern und sogar komplett neue Levelabschnitte freispielen – beispielsweise indem wir die Nebenaufgaben des Schmieds erledigen, können wir mit Ranken in neue Umgebungen vordringen. Generell bietet Ori and the Will of the Wisps unfassbar viel zu Entdecken und zu sammeln – was in einer so schön gestalteten Welt doppelt Spaß macht.

Alles in allem ist Ori and the Will of the Wisps trügerisch anspruchsvoll. Während der Beginn noch vor sich hin plätschert, wird bereits kurz danach klar: Das hier ist kein Familienausflug. Schwierige Kletterpassagen und zum Teil frustrierend knackige Fluchtsequenzen können die Stirn schon mal zum Schwitzen bringen. Glücklicherweise verteilt Ori and the Will of the Wisps die Checkpoints nun aber selbstständig und fair. Während im Vorgänger die Speicherpunkte noch teuer erkauft und so manches Mal vergessen worden sind, so sind sie in Ori and the Will of the Wisps reich und fair verteilt. Eine Erleichterung!

Auf grafischer Ebene ist Ori and the Will of the Wisps noch ansehnlicher als sein Vorgänger. Die handgemalten Hintergründe sind nicht bloß ein ganzes Stück schöner, sondern wurden auch durch die abwechslungsreichen Umgebungen erweitert. Das fällt vor allem im dichten Schneefall auf der Bergspitze oder bei den Sonnenstrahlen auf, die vereinzelt durch das dichte Astwerk des malerischen Waldes brechen. Dazu kommt der tadellose Soundtrack von Gareth Coker, der mal opulent, mal besinnlich die verschiedensten Stimmungen von Ori and the Will of the Wisps einfängt und wie im Vorgänger an jeder Sekunde passend klingt.

Die Technik ist in Ori and the Will of the Wisps der Part, der uns am meisten enttäuscht hat. Vorallem angesichts der makellosen Kulisse störten Bugs und Probleme den Spielfluss extrem. Hauptsächlich markante Slowdowns und fiese Audio-Bugs haben das Spielerlebnis massiv gestört. Dazu kommen Gameplay-Fehler, die ganze Spielstände zerschießen oder zumindest den Spielspaß plump beenden können. So haben diverse Spieler davon berichtet, dass sie regelmäßig zu demselben Checkpoint zurückteleportiert worden sind – ob sie nun in dessen Nähe waren oder nicht. Diese Fehler sind fies und müssen bei jedem Titel schnell behoben werden. Entwickler Moon Studios hat zwar Besserung gelobt und einen Day-One-Patch veröffentlicht – der hat aber nicht alles gefixt. Von dort an war beinahe Funkstille und der versprochene Riesenpatch steht bis heute aus. Schade!

Unser Fazit:

Ori and the Will of the Wisps ist zu 99% ein grandioses Spiel. Die Story, das Gameplay, Grafik & Sound – so muss ein Metroidvania-Abenteuer in 2020 aussehen. Kaum ein anderes Spiel schafft es, seine Geschichte mit so wenig Dialog, dafür aber mit Mimik und Gestik seiner Figuren und unterschiedlichsten Umgebungen zu erzählen. Dafür gebührt Ori and the Will of the Wisps ein Platz auf dem Genre-Olymp – wenn die technischen Probleme nicht wären. Moon Studios, hier unser Deal: Schafft diese Probleme aus dem Weg und die Hall of Fame gehört euch.

Wertung: (4,7 / 5)

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